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Degen und Palette.
Historischer Roman ans Bayerns Vergangenheit.
Von
Kgbert tzarksscn.
tFortN'tilMg.) kNochdriilk verboten.»
ns dein breiten Balkon des Herrenhauses
zn Sandhurst mit seiner herrlichen Aussicht
war der Lieblingsplah der Baronin Fran-
ziska. Unten waltete der alte Oberst, unten,
gleich neben der geräumigen Küche, war
auch das große gemeinsame Wohnzimmer,
in welchem nach alter Patriarchalischer Sitte,
Herrschaft und Gesinde zusammen die täglichen Mahl-
zeiten einnahmen und in welchem sich WinterS die Fa-
milie uni den mächtigen Kachelofen znsammcnfand. Hier
oben dagegen war Franziska's Reich, seit dem Tode ihrer
Mutter ihr unumschränktes Reich. Denn
nur selten öffneten sich die ebenfalls im ersten
Stock liegenden Prunkgemächer fremden
Güsten — es herrschte ein stilles einförmiges
Leben auf Schloß Snndhorst — und die
steife Pracht dieser Zimmer mit ihren nie-
derländischen Gobelins und geschnitzten
Eichenmöbeln blieb meistens neugierigen
Augen verschlossen. Niemand störte daher
hier oben Franziska's Herrschaft — höch-
stens ein gelegentlicher Besuch ihres Vaters
und hatte sie die Pflichten der Gnts-
fran erfüllt, denen sie mit großer Gewissen-
haftigkeit nachkam, konnte sie dort unge-
zwungen ihrer Muße leben.
Früher allerdings noch mehr als in
letzter Zeit. Denn seit sich ihr Vater in
diese Abneigung, sa Haß gegen Alles, was
mit Kunst und Malerei znsammenhing,
hineingearbeitet hatte, durfte sie selbst hier
oben sich nur noch verstohlen ihrer Lieb-
lingsbeschäftigung widmen. Und müde,
jedesmal aufzuspringen, wenn sie die Stiege
unter dem schweren Tritt des Vaters knarren
hörte und die Spuren ihrer Thütigkeit zn
verbergen, war sic lieber mit Palette und
Staffelei hinausgezogcn in den Wald. Auch
heute Morgen finden wir sie daher nicht
mit dcm Pinsel beschäftigt, trotzdem sic den
Obersten draußen ans dem Felde wußte,
sondern über de» Stickrahmen gebeugt ans
dein Balkon sitzend. Ihr künstlerischer
Sinn machte sich jedoch auch bei dieser
Beschäftigung geltend, die Arabesken des
von ihr selbst erfundenen Musters vcrrietheu
in jeder ihrer gefälligen Linien das ma-
lerisch gebildete Äuge/
Sehr eifrig war sie jedoch nicht bei
der Arbeit, häufig wanderte ihr Blick hin-
aus vom Stickrahmen in das sonnen-
beglänzte Land, ja manchmal lehnte sie sich
auch wohl in den Stuhl zurück und ließ
die Hände müßig im Schoße ruhen. So

saß sie, als ihr Ange dnrch einen einsamen Wanderer
gefesselt wurde, welcher die Landstraße von Schleißhcim
dahergeschritten kam. Jetzt erreichte derselbe die Hecke,
welche den Gntspark von der Straße schied, jetzt bog
er in das dem Balkon gerade gegenüber liegende Park-
thor ein'— es war ein noch junger Mann, hoch auf-
geschossen, in einfacher schwarzer Tracht. Franziska
erhob sich, trat an das Gitter des Balkons und sich
hinunter biegend rief sie» „Xaver!"
Der Angernfenc sah überrascht in die Höhe und die
Helle Gestalt dort oben gewahrend, zog er grüßend den
Hut. „Wart' einen Augenblick, Xaver," ries ihm Fran-
ziska zn, „ich bin gleich unten." Und wenige Sekunden
später aus der Hansthür ihm entgegen tretend, fuhr
sie fort» „Wie freue ich mich, Dich wiederzusehen.
Vater erzählte mir schon, Du seiest von Ingolstadt zurück
und in der Zwischenzeit ein wahrer Riese geworden.
Hm — was die Länge angeht, hat er Recht — aber

vr. Karl Karinarsch.
Aach einer Photographie gezeichnet von C. Kolb. (S, SSI.)

etwas breitschulteriger denke ich mir die Riesen noch,
lind blaß siehst Du auch ans. Kommt das vom an-
gestrengten Studium?"
Bei diesen herzlich gesprochenen Worten hatte sie
dem Studenten beide Hände gereicht, welche dieser kräftig
drückte. „Ich habe in der letzten Zeit allerdings an-
gestrengt arbeiten müssen," antwortete er ans die letzte
Frage des jungen Mädchens, „und dazu die Stadtluft
— wer die nicht gewohnt ist, den macht sie blaß. Ihr
wißt gar nicht, Baronin, wie gnj Ihr es hier draußen
ans dem Lande habt."
„Ihr? Baronin?" wiederholte Franziska fragend,
indem sie sich ans eine Bank unter die Linde vor der
Thüre setzte und Xaver Meindl einen Wink gab, neben
ihr Platz zn nehmen. „Ist der Herr Student stolz
geworden?"
„O nein — ich wußte nur nicht — nach so langer
Abwesenheit " stotterte Xaver, ohne seiner Befangen-
heit Herr werden zu können.
Franziska sah ihn einen Moment scharf
an, dann sagte sie mit ruhiger Freund-
lichkeit» „Ihr habt Recht, Herr Meindl,
ewig können wir uns doch nicht Du nennen,
und da ist jetzt der beste Zeitpunkt, zum
Ihr übcrzngehcn. Aber im klebrigen bleibt
es mit uns beim Alten? Nicht wahr?"
Sic reichte ihm nochmals die kleine
Hand und nickte ihm mit unbefangener
Herzlichkeit zn. Dann fuhr sie fort» „Wie
Schade, daß Engen nicht hier ist, es würde
ihn so innig freuen, Euch wiederzusehen.
Er hängt noch immer mit großer Liebe
an Euch."
„Hat er das ausgesprochen?" fragte
der Student, neben Franziska Platz neh-
mend.
„Nun, das gerade nicht. Aber trotzdem
zweifle ich keinen Augenblick daran."
„Ein Jahr ändert Viel in den Ge-
sinnungen der Menschen."
„Habt Ihr Grund zn glauben, daß
auch mein Bruder sich geändert habe?"
„Ich bin schon mit ihm zusammen-
getroffen."
„Und er Ivar unfreundlich — ich will
nicht hoffen —"
„Unfreundlich? Ob ich es so nennen
darf, weiß ich nicht. Aber jedenfalls war
er nicht mehr der Alte."
„Acar Heydom Ivar bei ihm?" fragte
Franziska.
„Möglich, daß sein Begleiter so hieß.
Er war ziemlich in nuferem Alter und auch
in Uniform."
„Ich dachte, Ihr hättet ihn vielleicht
an der Aehnlichkeit mit Josephine erkannt,"
meinte Franziska nicht ohne Schelmerei,
lieber das blasse Gesicht des Stu-
denten flog ein leichtes Erröthen. „Der
Offizier ist der Bruder der Baronin
Josephine?" fragte er. „Das hätte ich
 
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