Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 22.1887

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1887

^uiocrccbte Vorbehalten

Fnihstülkszeit. Nach einem Gemälde von A. Müktcr-Schöuhvnsen. (S. 7)

Begebenheiten ans schwerer Zeit, bis die Erinnerung
all dieselben endlich ganz erlischt.
Doch wie der Wind launenhaft einzelnen gestorbe-
nen Blättern ein geschütztes Plätzchen anwcist, wo sie
lange Zeiträume überdauern, um abermals launenhaft
aufgescheucht und mit jüngeren Leichen ihres Geschlechtes
durcheinander gewirbelt zu werden, ähnlich verfährt
der Zufall nicht selten mit den ausgerissenen Blättern
der Familiengeschichten. Und so trägt er sie zuweilen
auch dahin, wo sie mit ernster Theilnahme geprüft und
willkommen geheißen werden und zu lebhaften Nach-
forschungen anregen. Mit jedem Erfolg, und wäre
es anfänglich nur ein Scheinerfolg, der das Beginnen
lohnt, wächst der Eifer, Zuverlässigeres zu erkunden.

Die Familie Melville.
Roman ans der Zeit des »ordamerikaniichen Bürgerkriegs.
Von
Balduin Möllhanscn.
(Nachdruck verboten.)
Erstes Kapitel.
Am Aardauesk-Acksen.
er Winter ist vor der Thürc; kürzer werden
die Tage, länger die Abende. Es ist die
. Zeit des EinschachtelnS und Zusammen-
rückens; die Zeit, in welcher das Poltern
des Feuers im Ofen noch
neu und daher um so leb-
hafter aufmunternd zn re-
gem Schaffen. Wie behagliches Erzählen
klingt es aus dem eisernen Thürchen.
Um dein dumpfen Murmeln Worte zu
verleihen, suche ich nach Anhaltspunkten
ui ferner Vergangenheit.
Vor mir liegt geöffnet eine stark ge-
füllte Skizzenmappe. Blatt auf Blatt
schlage ich um, Blatt auf Blatt, klein
und groß, und jedes trägt die Merkmale
Vnes halben Menschenalters. Wehmüthig
betrachte ich die vergilbten Erinnerungs-
zeichen, angefertigt in fernen fremden
fanden, in tiefer Wildniß wie im Bereich
ocr Eivilisation.
, Der Geist wandelt unterdessen seinen
s'genen Weg. Wenn in schwer bewegter
Zeit Tausende und Hunderttaufende todes-
uiuthiger Männer kampfgerüstet einander
gcgenüberstehen, im blutigen Ringen die
-striegswürfel entscheiden, dann schwirren,
uhnlich den vom Herbststurm entführten
Welken Blättern, Gerüchte, Nachrichten und
Aufträge nach allen Richtungen. Viele
^'reichen ihr Ziel entstellt, viele erreichen
gar nicht, und wie dürres Laub im
"Utaldesschatten sich dem feuchten Erdboden
anschiniegt, um ungesehen zu verwesen,
w verhallt zusammen mit dem letzten
Dodesseufzer manch' banger Gruß, manch'
kseuer Rath ungehört. Es sterben dahin
me Zeugen tief einschneidender Ereignisse,
upd spurlos ist verschollen ein Glied aus
meser oder jener Freundeskette, ausge-
Iststn ein Blatt aus dieser oder jener
Familiengeschichte. Wohl ziehen hier und
ba die geebneten Wogen des großen nord-
aincrikanischen Bürgerkrieges noch immer
st)re Kreise, allein im Allgemeinen un-
bemerkt, unbeachtet, oft genug unver-
standen, sogar ungeahnt. Man verlernte,
Vst jene blutigen Tage entfallende Ur-
sachen in Beziehung zn späteren Wirkungen
bringen; mehr und mehr sagenhaft
kauten die Schilderungen romantischer

Anstatt zn ermüden, steigern die sich entgcgcnstellenden
Schwierigkeiten die Schaffenslust. Bilder, ursprünglich
nebelhaft verschwimmen!), gewinnen schärfere Umrisse
und reihen sich verständlich an einander; als abgerun-
detes Ganzes entwindet sich dem chaotischen Gewirre,
was der Vergessenheit anheimzufallen nicht verdiente.
Weiter blättere ich zwischen den alten Zeichnungen
und Aquarellen, und weiter erzählt das gedämpfte
Poltern des Ofens:
Die ersten Schlachten, gleichsam Schulschlachten,
waren zwischen den beiden sich wild anfrüttelnden mäch-
tigen Gegnern mit wechselndem Glück geschlagen worden,
und bis in die entferntesten Gebiete der Union hinein
fanden Gefechte und Scharmützel von geringerer Be-
deutung statt. Am entsetzlichsten wüthste
die Kriegsfuric in ihrem jähen Erwachen
westlich vom Mississippi. Im Staate
Missouri zeugten brennende Ortschaften,
ausgeplünderte und verwüstete Farmen,
kühne Guerilla- oder vielmehr Räuber-
banden und obdachlose Flüchtlinge von
einer Erbitterung und Erbarmungslosig-
keit, wie sie eben nur in einem Bürger-
kriege gezeitigt werden können.
Auf Seiten des Nordens wie auf
Seiten der Rebellen fochten Indianer-
stämme. Die Tage des Unabhängigkeits-
krieges der Union schienen zurückgekehrt
zu fein. Sogar bereits halb civilisirte
Eingeborene griffen zum Skalvirmesser und
huldigten altem barbarischen Brauch. Im
Staate Arkansas stießen die Rebellen unter
Cooper und die Cherokesen unter ihrem
Häuptling Opoth-lei-hoho auf einander.
Bald in größeren Abtheilungen, bald in
kleineren Gruppen stellten sie sich gegen-
seitig nach. Wo die Uebermacht auf
Seiten der Rebellen war, da glichen
Scharfsinn und Verschlagenheit der brau-
nen Krieger und Jäger das Mißverhält-
nis; wieder aus.
Eine entscheidende Wirkung auf das
Ganze war von dem Treiben dieser nur
wenig zahlreichen Gegner allerdings nicht
zu erwarten; Wohl aber erhöhte es die
Unsicherheit des von ihnen beherrschten
Bodens. Gefährlich war es, dem Einen
oder dem Anderen zu begegnen. Als Spion
galt nur zu leicht, wer sich nicht genügend
anszuweisen vermochte.
Ich suche und suche — halt — hier-
ist cs.
Eine Zeichnung liegt vor mir, unter-
schrieben „Dardanell-Felsen, 24. Juni
1853." Es ist dies ein Punkt, etwa hun-
dcrtnndfünfzig englische Meilen oberhalb
der Mündung des Arkansas in den
Mississippi, also recht in der Mitte des-
jenigen Theils des Staates Arkansas,
welcher, in dichte Waldungen gekleidet und
von unifangreichen Sümpfen durchzogen,
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