Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 22.1887

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Stillleben im Torfe. Nach einem Gemälde von Ferd. Pacher. (S. 511)

Marter bringt mich um. Eines muß aus dein Hanse,
entweder sie oder ich, koste es, was es wolle."
Das Aussprcchen dieses Entschlusses brachte ihm
Beruhigung^ nachdem er in seine Schlaskammer hinein-
geleuchtet und von der'daselbst herrschenden Ordnung
sich überzeugt hatte, begann er sich langsam zu ent-
kleiden.
Nelly saß zu derselben Zeit neben der offenen Thür
ihres Zimmers. Das Haupt auf Arme und Kniee
gestützt, schien sie entschlafen zu sein, und doch lauschte
sie mit tödtlicher Spannung.
Fünf, sieben, zehn Minuten verstrichen in lautloser
Stille, dann aber wurde Plötzlich die Thür zu Slow-

Die Familie Melville.
Roman ans der Zeit des nordamerikanischen Bürgerkriegs.
Von
Balduin Möllhanscn.
(Fortsetzung ». Schluß.) Flachdruck Obolon.)
ch habe bereits gegessen," antwortete Slow-
field erzwungen sorglos, und in demselben
Maße, in welchem Nelly mit ihrer starren
Ruhe ihm bedrohlicher erschien, verflüchtigte
sich die Wirkung der im
Uebermaß genossenen Ge-
Z^nke, „das Einzige, was ich bedarf,
M Ruhe nach dem anstrengenden Ritt."
. „Sie kommen von weit her," ver-
lltzte Nelly vollständig ausdruckslos,
»Sie haben viel gesehen und gehört;
sanden Sie meine Kinder?"
Slowfield fühlte das Blut in seinen
lldern erstarren. Furchtbarer, denn je
zuvor, erschien ihm diese unzählige
Male an ihn gerichtete Mahnung. Er
^laß indessen dir Selbstbeherrschung,
"östlich zu antworten:
„Um Deine Kinder beruhige Dich,
Aellh, die befinden sich in guten Hän-
°en und gedeihen von Tag. zu Tag."
„Auch mein Sohn Harry?"
„Ein ganzer Mann ist er geworden."
Nelly zuckte mit keiner Miene und
Uagte weiter: „Und Fanny, meine
Tochter?"
. „Man schrieb mir, sie entwickele sich
Muner schöner. Sie muß das Eben-
bild ihrer Mutter werden. Du glaubst
hur nicht; ich sehe es Dir an. Aber
sch will Dich überzeugen. In einigen
^agen gebe ich Dir Geld, da magst Du
M ihnen reisen und sie hierher bringen,
j^n Weg beschreibe ich Dir genau,
°aß Du nicht irren kannst. Doch jetzt
Rgib Dich zur Ruhe und überlege Dir
Sache. Was nur immer Du wün-
schen magst, in Allem komme ich Dir
lllrn entgegen."
Anstatt, wie Slowfield zuversichtlich
^wartete, Ausdrücke des Dankes und
freudiger Hoffnungen zu vernehmen,
lehrte die Quarterone sich mit einem
Üostigen: „Gute Nacht" ab und in
Mer seltsam geräuschlosen Weise ver-
faß sie das Zimmer. Slowfield lauschte
so lange nach, bis er sie ihr Ge-
fach betreten hörte; dann verriegelte
rr die Thür und jetzt erst athmete
rr auf.
„Das kann nicht so weiter gehen,"
sprach er vor sich hin, „diese ewige

field's Wohnung aufgcrissen und heraus schallte ihres
Herrn Stimme, der sie laut bei Namen rief.
Nelly richtete sich auf. Ein Blitz des Triumphes
zuckte aus ihren großen dunklen Augen und sofort ver-
steinerte ihr Antlitz sich wieder.
„Ich komme!" antwortete sie, indem sie sich erhob
und ihre Lampe nahm, und ohne ihre gemessenen Be-
wegungen zu beschleunigen, leistete sie denn Ruf Folge.
Sie fand Slowfield in der Thür stehend. Er hatte
den Schlafrock augczogeu, also schon in seinem Bett
gelegen. Wenn aber Wuth sein Gesicht entstellte und
die das Vicht tragende Hand zittern machte, so wirkte
Nelly's Erscheinung geradezu einschüchternd auf ihn ein;
denn anstatt in wilde Schmähungen aus-
zubrechen, fragte er mit verhaltenem
Grimm, wer sein Bett geordnet und
Stacheln in demselben verborgen habe.
„Stacheln?" fragte Nelly eintönig,
„haben Sie sich etwa verletzt?"
„Den ganzen Körper zerstach ich
mir," schnaubte Slowfield mit wach-
sender Wuth, „Stacheln, sage ich, und
die können nicht durch Zufall in mein
Bett gekommen sein."
„.Nein, nicht durch Zufall," gab
Nelly frostig zu, und zum ersten Mal
milderte ihr Gesichtsausdruck sich zu
einem vergeistigten matten Lächeln, „ich
selber habe aus Dornen geschlafen, seit-
dem ich die Schwelle dieses Hauses zum
ersten Mal überschritt; da legte ich
Roscnzweige unter Ihr Laken, damit
auch Sie kennen lernen sollten, wie es
sich auf Dornen ruht."
„Das hat Dir der Satan einge-
geben," fuhr Slowfield wild auf, und
er folgte Nelly nach der Schlafkammer,
„abgebrochen sind die Stacheln in meiner
Haut, daß es schmerzt, wie höllisches
Feuer. Der Doktor wird morgen eine
Stunde gebrauchen, um sie alle heraus-
zuziehcu. Ich sage Dir, Weib, bringst
Du mit Deiner Tücke mich zum Aenßer-
steu, so stehe ich für nichts. Zu lauge
schon übte ich Geduld, und die er-
reichte mit dem heutigen Tage ihr
Ende."
„Ihr Schmerz schwindet in einer
Stunde," erwiedertc Nelly vollständig
leidenschaftslos, „der meinige hat ge-
dauert an die zwanzig Jahre, ohne
sich jemals zu mildern."
Mit den letzten Worten schlug sie
das Laken zurück, und neue Borwürfe
und Drohungen strömten auf sie ein,
als Slowfield gewahrte, mit welchem
Bedacht die dornigen Zweigenden ge-
ordnet worden waren.
„Ich hätte Leist, Dir eins der Dinger
durch Dein verrätherisches Angesicht zu
ziehen," bemerkte er zähneknirschend
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