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Heft 18

aus dem Stein verzeichneten Geburtstage als das richtige
ans so betrachte das als eine« Fingerzeig des Geschicks,
welches Dich dennoch mit den Deinigen znsammenführen
möchte. Deiner Trauer um die kleine Verlorene brauchst
Du deshalb nicht zu entsagen; doch sollst Du freundlichen
Hoffnungen Dich nicht verschließen, sondern sie hegen
und Dich an ihnen aufrichten. Was hätte aus mir
werden sollen, wäre ich leicht zu beugen gewesen? Und
ich gerieth gewiß in Lagen, geeignet, ein armes, vor
Jammer und Noth zuckendes Knabenherz zu brechen.
Dann aber vergleiche unsere beiderseitigen Aussichten
mit einander. Dir lächeln unstreitig noch glückliche
Tage im Kreise der Dir gebliebenen Deinigen; und

Nutarrechtx Vorbehalten.

In den Flitterwochen.
Nach einem Gemälde von Ludwig Kohrl. (S. 415)

Die Familie Melville.
^"UINII ans der Zeit des lwrdamerikanischeil Bürgerkriegs.
Von
Balduin Möllhansen.
«Nachdrnck verboien.)
ns Gregor's Zügen ruhte während der
Wanderung die gewöhnliche ernste Ruhe, die
Wohl im Verlauf einer frohen Unterhaltung
den Eindrücken fremder Heiterkeit flüchtig
nachgab, am wenigsten aber
durch unvorhergesehene Ereig-

nisse erschüttert werden konnte.
Tina" bewegte er sich einher, wogegen
flmeu w unter einer Bürde schmerz-
te^ Betrachtungen, das Haupt geneigt
m. "Wmn mein Kind hier beerdigt wurde,"
""d die Worte schienen sich mit
.- "-streben seinen Lippen zu entwinden,
h .,'huß Marianne nothgedrnngen längere
ui der Nachbarschaft geweilt haben."
dert-sF^ Zweifel geschah das," erwie-
dvii x. 'ilor, den Geführten theilnahmvoll
g-m> r ^Tc'ite betrachtend, „und meine Auf-
Uno - sein, das Nähere zu erkunden,
dob l > ober müssen wir uns überzeugen,
"u Jrrthum waltet. Aus der Quelle,
sm? ^NZcher ich, von: Zufall begünstigt,
sied. "flchr ich nur von einem Grah-
gz ? ssut dem Namen Ellen, dem Tage der
di<> , dem des Todes. Finden wir
hin^.l stimmte Mittheilung bestätigt, so
>vei/. ""s nichts^ unsere Nachforschungen
den/? ünszudehnen und die einmal ent-
svst/n Spuren bis an's Ende zu ver-
tlie'ii 3rh rathe aber — und mein Ur-
lst in diesem Falle doch Wohl das
limsW'ÜMerc — Dich keinen überschwäng-
Hoffnungen hinzugcben."
"Zch pflichte Dir bei," versetzte Stocton
„uiein Urtheil wird durch zu viele
cs Istzustände bedingt. Und wie könnte
als r!»^.s"n? Ist mir doch um's Herz,
»vrb - uiein Kind vor wenigen Tagen
An ? st ben Armen gehalten, nm heute
hm stMnm frisch aufgeworfenen Grabhügel
ßhstst^stcn. Ja, Gregor, so wirkte die er-
a,lf ^st'ide Kunde trotz der langen Trennung
Ar 'Mch rin. Mein Gott, wie die alten
cnw-. üsteder bluten! Wann werde ich
Ruhe finden -"
gyr"n ^st d°stb Charles," unterbrach Grc-
st'rtn.ch "'wnthigend, „vermeide es, Dich
chvm unt irüben Bildern zu umgeben,
icdrr langes Leben vor Dir, und
brii.o Tag uiag Trost und Frieden
Erkennst Du das Grab an. dem

ich?" Er lachte herbe und fuhr anscheinend gleich-
müthig fort: „Vor mir eröffnet sich die Aussicht, nach-
dem Thusnelda sich vielleicht verheirathcte, die Welt
einsam zu durchstreifen, wohin ich komme, als Fremd-
ling kalt begrüßt und ausgenommen zu werden. Nicht
einmal Singsang wird mir zur Seite stehen, denn ihn
von Thusnelda trennen, hieße, ihn in's Verderben
stürzen."
„Ein Fremdling überall," versetzte Stocton etwas
lebhafter, „jedoch nur so lange, bis auch Du einen
eigenen Herd Dir gründetest—"
„Unsinn, Charles," fiel Gregor spöttisch ein, „um
im Familienleben meine Befriedigung zu suchen, müßte
ich ein Anderer sein, einen anderen Beruf
gewählt haben — das heißt, ich verwahre
mich gegen den Verdacht, diesen Schritt
jemals bereut zu haben. Nein, Charles,
für das Familienleben bin ich abgestumpft,
ich mußte abstumpfen durch die Erfah-
rungen, die hinter mir liegen."
„So würdest Du dafür stets eine Hei-
math in Thusnelda's Häuslichkeit finden—"
„Nie, Charles," entschied Gregor kalt,
„trenne ich mich von ihr und einmal
muß die Stunde schlagen so geschieht cs
unter Umständen —" Er zögerte einige
Sekunden, 'während seine Brauen sich
dichter zusammenschoben, und schneidend
klang seine Stimme, indem er hinzufügte:
„Fort mit den Gespenstern. Noch liegt cs
in meiner Hand, in Thusnelda's Zukunft
einzugreifen. Findet sich ein achtbarer
Mann, welchem sie sich zu eigen geben
will, und der in ihrem Beruf keinen Vor-
wurf für sie entdeckt — wohlan, aus
freudigem Herzen thue ich Alles, was nur
irgcnd zu ihrer Zufriedenheit beitragen
kann; allein dann noch ihr Haus zu be-
treten, es zu betreten als eine lebendige
Mahnung an unser Vagabundenlebcn —
nein, nie würde ich das über mich ge-
winnen, nicht meinetwegen, nicht ihret-
wegen."
„Ich verstehe Dich nicht, Gregor. Was
nennst Du Gespenster? Was schwebt Dir
vor, daß Du mit rauher Hand in Thus-
nelda's Zukunft cingreifen möchtest? Du
gedenkst Gilbert's —"
„Nichts schwebt mir vor, Charles,
ich gedachte nur der Möglichkeit einer
Trennung, deren Ursache nicht im Ein-
klänge mit meinen Anschauungen ist. Doch
vergessen wir das. Sieh da die Kapelle,
wie sie freundlich zwischen den Bäumen
hervorlngt. Eine liebliche Stätte, ans
welcher Dein Töchterchen schläft. Vor dem
Grabhügel wollen wir Beide der alten
Zeiten gedenken, ungehemmt den auf uns
einstürmenden Betrachtungen Raum geben;
das ist unser Recht, unsere Pflicht. Dann
aber müssen wir uns beruhigen, um mit
 
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