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Generallieutenant Adolph v. Heinleth, k. bayrischer Kriegsminister.
Nach einer Photographie gezeichnet von C. Kolb. <S. 223)

zu: „Hier sind wir fertig. Singsang wird schon un-
geduldig geworden sein. Hoffentlich sorgte er für Speise
lind Trank."
Thusnelda lächelte holdselig. Wie Gregor sie über
seine wahre Stimmung zu täuschen suchte, so trachtete
sie selbst gleichsam instinktartig, seinen Erwartungen
wenigstens einigermaßen zu entsprechen. Sie erhob
sich, warf die langen Straußenfedern durch eine leichte
Kopfbewegung zurück und antwortete lebhaft: „Wo es
sich um unser Wohl handelt, läßt Singsang sich nicht
müßig finden," und verloren ging ihr, daß von der
Thür aus zwei Augen, die sonst gewohnt, theilnahmlos
zu blicken, in tiefer Bewunderung auf ihr ruhten.
„Edith," lispelte Miß Sarah im Erstaunen un-
bewußt, als sie in dem lieblichen Antlitz und den
großen blauen Augen die Mutter wiedererkannte. Dann,
wie überwältigt durch diesen Eindruck, rief sie hinüber:

Die Familie Melville.
der Zeit des iiordamerikaiiischcn Bürgerkriegs.
Von
Balduin Möllhanscn.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten^
o lange Gregor sprach, betrachtete Miß
Sarah ihn mit ungeheucheltem Erstaunen.
Es rief fast den Eindruck hervor, aG
habe ihrer heimlichen Bewunderung seiner
schönen Erscheinung sich ein gewisser Grad
. von Achtung beigesellt. Sobald er aber
sa ^herrschten sie wieder die tief gewurzelten
billigen Gesinnungen.
?Ech2" sprach sie geringschätzig
N°lnd. „Thusnelda Melville? Eher hätte
geglaubt, daß Du mit einer — Freundin
bereinbartest, utn zu erproben, ob
p.A.^ortheile aus den Ansprüchen der
nm Tochter jener mißleiteten, nn-
MuMchen Edith zu ziehen."
Wechselte Gregor die Farbe. Seine
^.Men sprühten förmlich. Doch nur einige
Ts,M"en des Schweigens, und er war
i derselbe kalt urtheilende, sich nie
rellmde Mann.
»Es gibt Verdächtigungen," erklärte
gemessen, „durch deren Beantwortung
tzch selbst herabwürdigt. Nur so viel:
tbii/ Enkelin meines Lnkels und Wohl-
dei? ."°eh irgend welche Ansprüche an
icl, - Hinterlassenschaft haben, so betrachte
i rs cils meine Pflicht, dieselben geltend
. wache,,," und mit einer leichten Ver-
Ving sich nbkehrend, schritt er aus dem
>>>nn„er.
d- ^in.ch darauf erschien Slowfield in
dür des Schlafgemachs.
dm"ach, ihm nach," flüsterte er
in Much der bestürzt drcinschaucnden Vcr-
,d"en zu, „schnell ihm nach unter irgend
n Vorwande. Betrachten Sie das
,„:"?rl)en genau, um es zu seiner Zeit
Mverzuerkennen. Wer weiß, es mag viel
^°» abhängen."
So - dieser Aufforderung säumte Miß
nicht. Schweigend, jedoch hastig
; tz sie das Zimmer, und als Gregor
iim Beranda hinanstrat, befand sic
nur eine kurze Strecke hinter ihm.
darauf stand sie ans der Thnr-
"welle. Ihr erster Blick traf Thusnetda.
sii> ^nf dem anderen Ende der Beranda
-Nnw, suchte ängstlich Grcgor's Augen.
Sie wurde daher nicht gewahr, daß
dF'nnd ihm folgte. Näher tretend, ent-
ue Gregor ihre ltnruhe, und dieselbe
' äerstrenen, rief er ihr heiteren Antlitzes

„Gregor, Du solltest nicht vergessen, daß ich näher
stehenden Gästen das Geleite bis auf die Veranda hinaus
zu geben Pflege."
Gregor, der Thusnelda's Hand ergriffen hatte, kehrte
sich nach ihr um. Beide ahnten nicht, welch' anziehen-
des Bild sie neben einander boten: Ersterer mit dem
ihn wieder beherrschenden Ernst, Thusnelda mit einem
sie wunderbar kleidenden Lächeln der Befangenheit.
„Ich hielt mich für entlassen," antwortete Gregor
zu des lauschenden Slowfield heimlicher Freude kalt
ablehnend, „außerdem lernte ich im Laufe der Jahre
meine Wege ohne fremde Führung zu finden."
Unerbittliche Strenge lugte dabei aus seinen Augen;
die Unversöhnlichkeit eines tief beleidigten Gemüthes
tönte aus feiner Stimme hervor, und was eben noch
an Milde in Miß Sarah's Innerem sich regte, er-
stickte unter dem Andrange ihrer alten Gehässigkeit.
So gleichsam gerüstet, böse nachwirkende
Gifttropfen cinzuflößen, schritt sie zu Gre-
gor hinüber, der sich nur .ungern dazu
verstand, sie zu erwarten.
„Also unserer Edith Tochter," sprach
sie, mit scharfem Blick jede einzelne Linie
der anmuthvollen Gestalt prüfend, und die
bisherige Bewunderung verwandelte sich
in ein eigenthümliches Gefühl des Neides,
wie immer, wenn Jugend nnd Schönheit
sie zu barocken Vergleichen herausforderten,
„ähnlich, in der That überraschend ähnlich.
Möge das liebe Kind nie in die Lage
gerathen, zwischen achtungswerthcn Ver-
wandten — o, zwischen dem eigenen Gatten
und einen: Leben der Reue —"
„Komm, Thusnelda," fiel Gregor ein,
und er bot dieser den Arm, um sie einer
Atmosphäre zu entführen, die ihm wie mit
Flüchen angefüllt erschien.
Thusnelda folgte seiner Bewegung
mechanisch. Sie fühlte, daß Miß Sarah's
Bemerkung boshafte Zwecke zu Grunde
lagen. So lange die Kränkungen nur ihr
allein galten, nahm sie dieselben schweigend
hin. Sobald Miß Sarah aber, durch
Grcgor's formlosen Abschied bis zum Wahn-
witz erbittert, ihren Angriff gegen diesen
richtete, loderten ihre Leidenschaften un-
gestüm empor.
„Viel Glück zu dem süßen Lohn für
Deine uneigennützige Mühewaltung! Dei-
nes Besuches will ich gedenken immerdar.
Ist es heute doch, wie vor mehr als
zwanzig Jahren, da Hinterlist und Ver-
rätst in der jungen Brust nach Herzenslust
wucherten!" tönte es von den Lippen der
unversöhnlichen Feindin den Scheidenden
nach, und trotz Grcgor's Widerstand, der
sie gewaltsam mit fortzuziehen trachtete,
fuhr Thusnelda wie ein gereizter junger
Leopard herum. Bis auf zwei Schritte
trat sie vor Miß Sarah hin, und die
nunmehr Bestürzte vom Scheitel bis zu
 
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