Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Overview
loading ...
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext



In stillen Stunden. Nach einem Kemälde von Toni Aron. (2. Ml)

Von
Balduin Möllhause».
(Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.)
ingsang, Du bist häßlich, Du bist ein
Scheusal, und thust dennoch, was ich Dir
anbefehle," erklärte Thusnelda trotzig, in-
dem sie von des alten Burschen Schoß
sprang. Schnell glitt sie hinter ihn, und

Die Familie Melville.
aus der Zeit des uordamerikanischeii Bürgerkriegs.

greis die Falten seines Kaftans
bei, a, uud die Stuhllehne als weiter
kletterte sie. gewandt auf seinen
>vurde' wodurch Singsang gezwungen
./ h"t wahrhafter Duldermiene die
sie . x wsustclleu. Gleich darauf stand
kund?" Schultern. Einige Se-
uiwF /tupfte sie um's Gleichgewicht,
b^s., ^w^'ud, daß Singsang seine Arme
obei: streckte, um ihr einen
dorn oieten; dann neigte sie sich nach
»ebn/, die Brille von seiner Nase
"geinn?M festigte sie dieselbe vor ihre
(>r.'^gen.
wackü^nö»^^" Kunststücke mit mir
wrd,,, r fragte sie drohend, und herans-
"rnd verschränkte sie die Arme.
hern'.F^w herunter, liebes Kind, komm
bat L:"' Vcdenke nur, wenn Du sielest,"
Fbsang kläglich.
wein'm'E"' Si"Ns""8^ Versprich jetzt,
wirktnr "Wmen zu thnn, oder rch falle
tiam- ^"'d schlage mir ein großes blu-
^F'ch niitten ans der Stirn."
Itze'' ""Fd denn, ich verspreche es," be-
schul . Wsang in seiner Noth, denn
test . "'m der Gedanke an die Mvglich-
ttinu?'" Verwundung seines Lieblings
! mit Entsetzen.
Tisch "Ülte die Arbeit vor sich auf den
streu.' wiederum die Arme nach oben
wartete er, bis Thusnelda seine
-ieieilo .griffen hatte, und auf ein
S sprang sie auf seine Knice.
Wuen»^!. oieinte er mit einem Seufzer,
schuld böse wird, ist's nicht meine
,,(tzFwha!" spöttelte Thusnelda lustig,
aiwt' thnt mir nichts. Der kann mich
W emmal böse ansehen."
»Aber mich."
^Mgsang nichts, lieber schöner
dene n o wollen wir wenigstens zuvor dies
Machtvolle Kleid anpassen, auch Dein
"'U eu, wenig kämmen."
" da, Singsang. Du willst nur,

ich soll darüber die Kunststücke vergessen. Vielleicht
nachher, wenn wir uns müde gespielt haben."
Singsang erhob sich. Bedächtig legte er die schweren
Schuhe ab, daß er in seinen blauen Leinwandstrümpfen
dastand. Thusnelda hatte unterdessen nicht nur die
Schuhe ausgezogen und in verschiedene Richtungen da-
von geschleudert, sondern auch die kurzen rothen
Strümpfe, und leuchtenden Blickes überwachte sie, wie
Singsang sich niederlegte und, die Ellenbogen auf den
Fußboden stützend, die Unterarme emporhielt. Gewandt
den linken Fuß in die nächste offene Hand stellend, gab
sie sich einen Schwung, und mit einem lustigen Ausruf
den rechten nach sich ziehend, fand sie für denselben auf
der anderen Seite einen ähnlichen Halt.

Lachend und jubelnd duldete sie, daß Singsang die
Arme nunmehr ganz nach oben ansstreckte, sie hinauf
und hinunter wiegte und schließlich ihr gestattete, das
Gewicht des Körpers dem einen Fuß allein anzüver-
trauen. Dabei lobte er den kleinen Wagehals über
die Maßen und belehrte ihn, daß, wenn er das Gleich-
gewicht verlieren sollte, er sich nur fallen zu lassen
brauche, um von ihm sanft aufgefangen zu werden.
Nach diesen Vorübungen streckte er auch die Füße
empor, sie den Händen so weit nähernd, daß Thus-
nelda, wie auf einer Brücke, im Kreise herumzuschreiten
vermochte. Hin und wieder schwankte sic Wohl ein
wenig, dagegen besaß Singsang eine solche Sicherheit
der Bewegungen, daß sie mit seiner Hilfe das Gleich-
gewicht schnell wieder zurückgewann und
die eigene Kunstfertigkeit jubelnd pries.
Diese erste Uelmng schloß damit ab,
daß Singsang, die kleinen Füße in den
Händen, die Arme nach oben lang aus-
streckte, sich zunächst in eine sitzende
Stellung emporrichtete und endlich ganz
erhob. Ein Weilchen gönnte er der Klei-
nen die Freude, die Zimmerdecke zu be-
tasten. Dann ließ er sie plötzlich, mr
sich nicdergleiten, um sie in seiner Brust-
höhe wieder aufzufangen, und im nächsten
Augenblick hing sie an seinem Halse, das
gelbe Mongolengesicht küssend und klopfend
und ihren Singsang den schönsten Mann
der Welt nennend, daß dem alten Burschen
die Thränen der Rührung in die Augen
drangen.
Doch die Kleine war unermüdlich.
Kaum daß sie Singsang Zeit gab, ihre
wirren Locken zu kämmen, zu bürsten und
mit einem hellblau seidenen Band zu um-
schlingen. Neue Spiele wurden ersonnen,
die mehr auf scharfen Blick und Geschick-
lichkeit der Hände berechnet waren, und
wie draußen in den Obstbäumen das
unmelodische Krächzen eines stahlblauen
Hähers durch den Ausdruck der Freude
sich harmonisch mit dem süßen Gesang
der Spottdrossel einte, so offenbarte sich in
dem Lehmhänschen dieselbe Glückseligkeit
in Hellem, kindlichem Jubel und tiefem,
gurgelnden: Lachen.
Gregor, der eigentliche Hausherr, be-
fand sich nm diese Zeit noch eine Strecke
abwärts. Mit Eristobal, seinem Brod-
Herrn, und gefolgt von einigen Arriervs
war er gleich nach dem Mittagessen fort-
geritten, um eine Anzahl Pferde in
Augenschein zu nehmen, welche man in
eine Einfriedigung getrieben hatte. Unter
diesen befand sich ein dunkelbrauner fünf-
jähriger Hengst von hervorragender Kraft
und Schönheit, der weder Sattel noch
Zaun: jemals getragen hatte. Ohne Brand-
zeichen, also herrenlos, wild bis zur Bos-
heit und Tücke und mißtrauisch gegen jeden
 
Annotationen