Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 24.1889

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Die beiden Dachten.
Roman
von
Balduin Möllhansen.
(Fortsetzung.) .
(Nachdruck verboten.)
nwettcr zieht herauf," wendete die Gräfin
sich ihrer Dienerin zu. „Höchstens noch
eine Stunde, und mit der Ruhe ist's vor-
bei. Sorge dafür, daß wir den Thee
vorher einnehmen, oder wir erleben, daß
die armen Kinder hungrig zu Bett gehen
müssen."
Die Dienerin verschwand geräuschlos. Als die
Gräfin sich den beiden Mädchen wieder
znkehrte, glitt ein Lächeln gutmüthigen
Spottes über ihr Antlitz. Die jnnge
Hindn sah wieder flehend zu ihr ans,
wie sie beschwörend, dem Unwetter zu
gebieten, wogegen Maud in die Worte
ausbrach: „Gewiß ein fürchterlicher
Sturm —"
„Was ist fürchterlich?" fiel die Gräfin
ein, „etwa, daß wir die Aussicht haben,
ein wenig geschüttelt zu werden? Ich
dächte, das wäre Dir nichts Neues mehr.
Nach den: Essen begebt Euch zur Ruhe,
und Ihr werdet erstaunen, wie bald das
Meer Euch in den Schlaf wiegt. Erhebt
Ihr Euch wieder, so lacht Euch die goldene
Sonne vom blauen Himmel entgegen."
DiczuversichtlicheHaltungund Sprache
der Gräfin beschwichtigte die ängstlichen
jungen Gemüther. Bemerkungen wurden
zwar kroch gewechselt, jedoch wie bei-
läufig, indem die Mädchen ihre Ar-
beit wieder ausgenommen hatten. Die
Gräfin, offenbar tiefernsten Betrach-
tungen hingegeben, schritt langsam auf
und ab. —
Das Mahl war kaum beendigt, als
das erste dumpfe Rollen sich vernehmen
ließ; zugleich neigte die Pandora sich
auf die Seite. Der Wind, welcher so
lange stoßweise bald aus dieser, bald ans
jener Richtung geweht hatte, wie unent-
schieden, von woher er sich zum Sturm
aufblähen sollte, blies nunmehr scharf
aus Südost. Die Pandora gewann da-
durch stetigere Fahrt, jedoch nur ans
kurze Zeit; denn nachdem das Meer erst
aufgewühlt worden, stampfte sie schwer
unter dem Andrange der wachsenden See'n.
Dazu grollte der Donner, nnablässig
und heftiger wurden die Schläge, welche
das Feuer sprühende schwarze Gewölk
entsendete. Zagend hatten Maud und
Sunbeam ihre Lager anfgcsncht.

Eine Weile wandelte die Gräfin noch auf und ab.
Ihr Geist beschäftigte sich mit den jüngsten Erfahrungen.
In ihrem streng verschlossenen Antlitz spiegelten sich
zwei verschiedene Strömungen; abwechselnd herrschten
tiefes Leid und unversöhnlicher Haß auf demselben vor.
Erst zwei schnell aufeinander folgende Donnerschläge
gaben sie der Gegenwart wieder zurück. Nachdem sie
sich überzeugt hatte, daß nichts lose umherrollte, trat
sie in ihr Schlafgemach. Kurze Zeit verweilte sie dort.
Wieder in dem Prunkgemach erscheinend, umhüllte ein
bis zu den Füßen nicderrcichender wasserdichter Rock
ihre Gestalt. Einen gefirnißten Matrosenhnt hatte sie
auf ihrem Haupt befestigt. So begab sie sich nach dem
Deck hinauf.
Ohrenbetäubendes Krachen begrüßte sie beim Hin-
austretcn. Als habe das Firmament in Flammen
gestanden, leuchtete cs aller Enden. Dazu brausten

Paul Thumann.
Nach einer Photographie gezeichnet von C. Kolb. (S. 35)

die sich mächtig aufbäumenden Wogen, heulte und pfiff
der Sturm durch die Takelage, klatschte hin und wieder
eine Sturzsee über Bord herein.
Tief auf athmete die Gräfin. Der ihr in's Gesicht
schlagende Regen schien sie zu crguicken. Trotz des hef-
tigen Schwankens des sie tragenden Bodens schritt sic
mit einer Haltung einher, als sei sie, ähnlich den in
Ringen schwebenden Hängelampen, gewissermaßen un-
abhängig von dem sie tragenden beweglichen Gebäude.
Ans dem Quarterdeck dicht an die vordere Balu-
strade herantretend, Prüfte sie bei der flackernden Be-
leuchtung der elektrischen Flammen die Takelage. An
Segeln standen nur der Klüver, das dicht geresste
Großsegel und Gaffelsegel, ein Zeichen, daß Simpson
einen ernsten Kampf mit den Elementen vorgesehen
hatte. Die Matrosen hatten, so gut es gehen wollte,
hier und da auf Deck Schutz gegen den strömenden
Regen gesucht. Nur den sich weithin
anszeichncnden Ghastly erkannte sic. Ans
dcr Luvseite stand er, die Negcling, auf
welche er sich mit beiden Armen stützte,
noch mit Kopf und Schultern über-
ragend. So viel die Gräfin zu unter-
scheiden vermochte, starrte er in die
Richtung, in welcher die Insel hinter der
Pandora zurückgeblieben war. Indem
die helleren Blitze ihn voll beleuchteten,
erhöhte sich das Gespenstische seiner ganzen
Erscheinung. Bei dem sich fortgesetzt
wiederholenden jähen Wechsel des grellen
bläulichen Lichtes und der schwarzen
Nacht erzeugte es die Täuschung, als
ob sein langer Körper sich krampfhaft
winde. Bei jedem neuen Blitz tauchte
sein Antlitz geisterhaft in der Dunkelheit
auf.
Eine Weile betrachtete die Gräfin ihn
sinnend; dann schritt sie nach dem Steuer-
rad hinüber. Zwei Matrosen hielten
mit nervigen Fäusten dessen Speichen
umspannt. Einige Sekunden beobachtete
sie aufmerksam, das leise Schwingen der
transparenten, von unten beleuchteten
Scheibe niit der Magnetnadel in dem
Kompaßhüuschcn. Da trat Simpson,
unter dem Arm das Sprachrohr, heran.
„Halt stetig," befahl er den Matrosen.
„Halt stetig," antworteten diese wie
ans einem Munde.
Die Blicke nach oben gerichtet, ent-
deckte er, begünstigt durch einen Heller
sprühenden Blitz, einen Fehler an dcr
Oberbramraae. Fast gleichzeitig kom-
mandirtc er über Deck: „Die Lnvschoote
des Großobcrbramsegels hat sich gelöst!
Zwei Mann nach oben!"
Der Befehl wurde unten wiederholt.
Das Poltern einiger herbcieilenden Ma-
trosen folgte, doch bevor einer derselben
sich nach der Regcling hinaufschwang, be-
fand Ghastlp sich bereits in den Wanten.
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