Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 24.1889

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Die beiden pachten.
Roman
von
Balduin Möllhansen.
lFortletzuna.)
(Nachdruck verboten.)
bwohl Galbrett nicht zum ersten Male
die Kajüte der Gräfin betrat, übte die
reiche Umgebung doch einen gewissen ver-
wirrenden Eindruck auf ihn aus. Er
zögerte wenigstens mit der frech-vertrau-
lichen Anrede, zu welcher er sich bedacht-
sam vorbereitet hatte. Als er aber die Gräfin genauer
ansah, die mit der starren Ausdruckslosigkeit eines
Steingebildes neben einem kleinen Tischchen saß nnd
ihre Blicke durchdringend ans ihn heftete,
schwand sein trotziges Sclbstbcwußtsein
vollends. Er fühlte gleichsam heraus,
daß das Uebcrgewicht auf ihrer Seite und
sie am wenigsten gewillt sei, sich von ihm
Vorschriften machen zu lassen. Nicht
minder mißfiel ihm, daß Simpson, an-
statt an der Verhandlung sich zu bethei-
ligen, hinaustrat und die Thür hinter
sich in's Schloß drückte. Bevor er darauf
für eine höflichere Anrede sich entschieden
hatte, hob die Gräfin frostig an:
„Meinem Versprechen getreu, habe ich
Sie rufen lassen. Es hätte mich sonst
nichts gehindert, die Anker zu heben und
Ihre Kinder mit fortznnchmcn."
Galbrett zuckte die Achseln und meinte
höhnisch: „Das wäre Kinderranb ge-
wesen; es gibt keine Behörde, welche der-
gleichen duldet, und die Arme der Gerichts-
barkeit reichen weit über's Meer hinaus."
„Aber es gibt auch keine Behörde," ver-
setzte die Gräfin kalt, „welche einen Vor-
wurf daraus erhöbe, wenn einem unnatür-
lichen Vater die Kinder entzogen werden,
um sie vor einem traurigen Dasein im
Pfuhle des Lasters zu bewahren. Doch
darum handelt es sich nicht. Ich bin
entschlossen, mich um jeden Preis mit
Ihnen zu einigen, möchte aber, bevor
ich mich durch mein Wort binde, noch
einzelne Punkte mit Ihnen erörtern."
Die letzte Bemerkung klang schärfer,
so daß Galbrett, wähnend, fälsch ge-
hört zu haben, das strenge Antlitz auf-
merksamer betrachtete.
„Ich dagegen möchte bitten, nicht zu
viel Umschweife zu machen," entgegnete
er unter dem Einfluß böser Ahnungen
gedehnt, „es könnte mir sonst einfallen,
meine Kinder zu mir zu rufen und mit
ihnen das Schiff zu verlassen."

Die Gräfin überhörte seine Erwiederung und fragte
wie beiläufig: „Ursprünglich Gaukler, sind Sie auch
dein Seeleben nicht fremd gebliebend"
Galbrett fühlte es kalt durch seine Adern rieseln,
beherrschte sich aber und antwortete ebenso gelassen:
„Nun ja, weshalb sollt ich's leugnend Wozu greift
der Mensch nicht, wenn die Noth an ihn herantritt?
Einige Jähre fuhr ich in der That."
„Und kamen weit herum in der Welt?"
„Es macht sich. Hierhin und dorthin segelte ich,
ohne mich viel um das Woher und Wohin zu kümmern."
Unbeweglich sah die Gräfin in Galbrett's Gesicht.
Dieser wich ihrem.Blick aus, schien zwischen den bunten
Arabesken des Teppichs etwas zu suchen. Um der
Gräfin schmale Lippen prägte sich verhaltenes spöt-
tisches Lächeln aus. So verrann eine Minute in
Schweigen. Es war, als hätte sie den dämonischen
Genuß, den verrätherischen Schurken vernichtet vor sich

zusammenbrechen zu sehen, immer noch ein wenig weiter
hinausschieben wollen. Endlich fragte sie nachlässig:
„Trug das Schiff, auf welchem Sie fuhren, Sie jemals
um Kap Horn herum?"
Galbrett erbleichte. „Kap Horn?" fragteerzögernd,
um Zeit zu gewinnen. „Nun ja, mir ist so, ich weiß
es nicht genau."
„Man vergißt sonst nicht leicht Orte, die man aus
eigener Anschauung kennen lernte," meinte die Gräfin
anscheinend arglos, „und die Stürme und Strömungen
da unten sind Merkmale, die gewiß im Gcdächtuiß
haften bleiben. Vielleicht wissen Sie etwas Näheres
über die Aurora-Inseln?"
Gälbrett kämpfte unr's Gleichgewicht. Wie nach
einen: Stützpunkt suchend, schweiften seine Blicke umher.
„Sehen Sie sich da auf den Feldstuhl," nahm die
Gräfin wieder das Wort, „nur ist, als litten Sie unter
einer Anwandlung von Ohnmacht. Derglticheu verliert
sich bald wieder," und fragend knüpfte
sie an: „Die Aurora-Inseln sind wüste
Eilande, die nicht oft von einem mensch-
lichen Fuß betreten wurden."
„Bei Gott," stieß Galbrett betroffen
hervor, „ich hörte bisher überhaupt nie
von einem Flecken Erde solchen Namens."
„Wunderbar," versetzte die Gräfin, „so
will ich sie Ihnen genauer beschreiben,
vielleicht erinnern Sie sich dann. Ich
besuchte die eine jener Inseln vor un-
gefähr acht Monaten. Drei Kreuze, die
aus der Ferne erkennbar, und die gerade
herrschende Windstille bewogen mich zur
Fahrt hinüber. Die Kreuze standen auf
Gräbern und an: Fuße eines jeden lag
ein Stück Schiefer. Das eine trug den
eingeschliffenen Namen Holiday, vermut-
lich den Ihres Schwiegervaters, des ver-
schollenen Schiffskochs. Ein anderes zeigte
den Namen Larsen und auf dem dritten
stand Spencer Sherburn. Damals stellte
ich meine Betrachtungen darüber an, wie
die drei Unglücklichen dorthin gekommen
sein könnten und wer ihnen Wohl die
letzte Ehre erwies."
Um seinen Halt zu sichern, hatte Gal-
brett die beiden Scitenstäbe des Klapp-
sessels gepackt. Leicht erricth er, daß er-
st: eine Falle gelockt worden war. Je-
doch wähnend, daß man ihn über Dinge
auszuhorchcn beabsichtige, die man nur
muthmaßte, antwortete er nach kurzen:
Sinnen mit den: krampfhaften Trotz eines
Spielers, welcher, bereits in schwerem
Verlust, sein Letztes auf eine Karte seht:
„Unzweifelhaft Schiffbrüchige oder gar an
Bord eines vorübersegcluden Schiffes Ver-
storbene, denen man ein Grab in fester
Erdc gönnte. Holiday kann Mancher
heißcn, ohne deshalb mein Schwieger-
vater zu sein, und so brachte der Name

Hermann Heibcrg. Nach einer Photographie gezeichnet von C. Kolb. lS. 2K7)
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