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Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 24.1889

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https://doi.org/10.11588/diglit.51129#0387
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1889



Kronprinz Rudolf von Oesterreich. (S. 387>

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§ störte sie eine Bewegung Lowcastle's. Derselbe hatte
sich erhoben, augenscheinlich nm, überwältigt durch die
vor seinen Augen sich entwickelnde Scene, die Kajüte
zu verlassen.
„Ich pflichte Ihnen bei," redete sie ihn anscheinend
völlig leidenschaftslos an, „für heute dürfte es genug
sein." Und zu Wellingham gewendet, der wieder blöde
vor sich hinstierte: „Ich hindere Sie nicht, sich nach
Hause zu verfügen. Es geschieht in der zuversichtlichen..
Voraussetzung, daß Sie morgen zu einer endgiltigen
Auseinandersetzung abermals hier crscheiüeu^lA>ie Wahl
der Stunde gebe ich Ihnen anheim.' 'Mr so -viel:
sind Sie bei Sonnenuntergang nicht hier gewesen, so.
geht übermorgen früh ein Bericht an die Behörden in
New-Lrleans ab."
Wellingham hatte offenbar nur verstanden, haß

der Weg offen vor ihm liege; denn scheu schlich er an
der Gräfin vorbei dem Ausgange zu. Das Haupt g:
neigt, spähte er, wie einen hinterlistigen Angriff ö
fürchtend, seltsam lauernd von unten herauf nach rechts
und links. Die Gräfin und Lowcastle folgten ihm.
Als er auf's Deck hinaustrat, standen Ghastly und
Niels wieder vor ihm. Er beachtete sie nicht.
„Rudert den Herrn nach seinem Landhausc hinüber,"
befahl die Gräfin, „er ist plötzlich erkrankt. Für seine
Oicherheit seid ihr verantwortlich."
Wellingham hörte nichts, sah nichts. Er fühlte
nicht, wie er in die Jolle hinabgeleitet wurde, nahm
. Platz, ohne zu bemerken, daß es nicht sein eigenes Boot
sei, welches ihn heimwärts tragen sollte.
Als die Jolle sich von der Pandora trennte, standen
die Gräfin und Lowcastle in der Pforte. Simpson
hatte sich ihnen zugesellt. Schweigend
sahen sie über den mondbeleuchteten
Wasserspiegel hin dem eilfertig einher-
gleitenden Boote nach.
Erst nach einer langen Pause bequemte
die Gräfin sich zu der Bemerkung: „Ich
vermuthe, bis morgen macht er sich hin-
länglich mit seiner Lage vertrant, um
Angesichts eines unabwendbaren Verhäng-
nisses sein Gaukelspiel mit dem erheuchelten
Wahnwitz aufzugebcn."
„Sie werden ihn nicht wieder sehen,"
versetzte Lowcastle düster und noch unter
dem vollen Eindruck des Erlebten.
„Er kommt," erklärte die Gräfin zu-
versichtlich, „Leute seines Schlages besitzen
nicht den Muth zu einem Angriff auf sich
selbst."
„Verzweiflung ist eine unberechenbare
Triebfeder," wendete Simpson ein.
„Sie bringt nicht leicht um den Ver-
stand, oder ich selbst wäre längst zu Dem
geworden, was die Menschen von mir arg-
wöhnten," erwiederte die Gräfin gleich-
müthig, und sie kehrte sich der nach unten
führenden Treppe zu.
„Sie mißdeuten die Beweggründe, welche
mich in meinem Verfahren leiteten," hob
Lowcastle an, doch die Gräfin unterbrach ihn:
„Heute nichts davon. Ich dächte, es
wären der Erregungen genug gewesen. Bat
ich um Ihre Zeugenschaft bei meiner Zu-
sammenkunft mit dem Ruchlosen, so ge-
schah es, um Ihnen Gelegenheit zu geben,
sich eile unverfälschtes Bild von meiner
Gemüthsverfasfung zu entwerfen. Ist die
Angelegenheit mit diesem Mac Lear er-
ledigt, so kommt das zwischen uns Schwe-
bende zur Sprache. Einmal zusammen-
geführt, dürfen wir nicht von einander
scheiden, bevor sonnenhelle Klarheit
herrscht."
„Ihre ungeahnten Enthüllungen ver-
leihen Ihren bisher zuweilen befrem-

Die beiden Dachten.
Roman
von
Balduin Mötthansen.
Vvrlschnng., Nachdruck vcrb°.°n.>
heilten Sie Ihr ganzes, auf fluchbclastetcr
Unterlage gewonnenes Vermögen zwischen
den Kindern, würde dadurch nur ein Tag
der Trauer aus ihrem Leben gestrichen?"
fragte die Gräfin mit unsäglicher Ver-
achtung, und es erzeugte den Eindruck,
als hätte es ihr einen dämonischen Genuß
bereitet, eine Scene, welche sogar Low-
castle erschütterte, immer noch etwas weiter
hinauszuziehen; „würde durch alle Schätze
der Welt nu^ eine Stunde der Noth der
vergeblich nach ihrem verlorenen Söhn
bangenden alten Larsen gelindert? Nur eine
Stunde des Wittwenthnms von der greisen
Holiday genommen? Nur eine Stunde ihres
Jamniers beim Anblick der vermeintlichen
Enkel, wenn dieselben sich unter den Miß-
handlungen eines ruchlosen Verbrechers
wanden?"
„Meine Kinder," versetzte Wellingham
schaudernd, „meine Kinder bleiben sie
immerhin — was verbrachen sie, daß ihnen
entzogen bleiben soll, was Vaterliebe im
Uebcrmaß bieten würde —"
„Sie werden sie nicht Wiedersehen, für
die Aermsten ein höheres Glück, als sie je
von einem Mörder erwarte» dürften."
Wellingham schlug beide Hände ans
die Schläfen. Wie aus einem Grabe cm-
porgesendct klang seine Stimme, indem er
gedämpft ausrief: „Auf der Aurora-Insel
liegen drei Unglückliche in der Erde —
der Beste von ihnen, wenn er jetzt hier
unter uns weilte, würde er Ihr grau-
sames Verfahren billigen? Würde nicht
sein bitterer Vorwurf Sie treffen, wüßte
er, daß um eineu Schuldigen noch härter
zu strafen, Sie nicht anstünden, auch Un-
schuldige zu vernichten?"
Wie eine erbitterte Rachegöttin trat
die Gräfin ihm einen Schritt näher. Ihre
Augen sprühten; Leichenfarbe bedeckte ihr
Antlitz. Schneidend klang ihre Stimme,
indem sie ihm die Worte zuschleuderte:
„Entweihen Sie das Andenken eines edlen
Todten nicht dadurch, daß Sie sich auf
ihn berufen!"
Sie brach ab. Die plötzlich in ihren
Zügen aufflackernde Röthe der Erregung
sank jäh zurück Eine Weile herrschte
lautloses Schweigen. In ihrem Sinnen
 
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