Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 24.1889

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1889




Die Unzurechnungsfähigkeit, in der sich der
befand, vereitelte aber die Ausführung dieser
und mittlerweile kam der Schwerbeleidigte so

gemacht, da er jetzt wie ein Landstreicher
aus dem Gebiete von Rottenhausen gejagt
worden war.
An einen Hoffnungsanker hatte er sich
nach der wicdergewonnenen geistigen Ruhe
freilich geklammert; er war doch der
Erbe seiner Gattin, wie er meinte, dem
die Herausgabe ihres Antheils nicht ver-
weigert werden konnte. Diese Frage löste
der Advokat, dem er sich anvertraute, in
keineswegs befriedigender Weise. Dem
Rechtsfreunde gegenüber hatte er den
wahren Stand der Dinge mittheilen
müssen, und da verkündete ihm denn ein
bedenkliches Stirnrunzclu, daß seine An-
nahme keine richtige sei. Allerdings mußte
die Baronin das Zeugniß abgeben, daß
eine Versöhnung der beiden Gatten statt-
gefunden habe, allein das war noch kein
genügender Beweis, um seinen Ansprüchen
volle Geltung zu verschaffen, da der geg-
nerischen Partei eine ganze Liste von Ein-
wendungen zu Gebote stand. Um daher
einen langwierigen, kostspieligen Prozeß zu
vermeiden, rieth der Rechtsfreund, einen
Ausgleich vorzuschlagen, und erklärte sich
bereit, ihm zu diesem Zwecke seine Dienste
zur Berfüguug zu stellen.
Rodensels erwiederte, daß er sich die
Sache überlegen wolle, und suchte einen
anderen Sachverständigen auf, der ihm
ungefähr dieselbe Auskunft gab.
Auf einen Rechtsstreit verzichtete er
aus guten Gründen, ebenso auf einen per-
sönlichen Vorschlag zum Vergleiche, viel-
leicht aber ging es durch Vermittelung
einer dritten Person. Dieser Einfall war
ihm gekommen, als er zufällig in der
Zeitung den Rainen seines Onkels Dunkel-
stein las. Der Fürst war in Wien an-
gekommen, um an den Sitzungen im
Herrcnhausc theilzunehmen, warum sollte
man also nicht den Versuch machen?
Gedacht, gethan; er ging hin und ließ
sich amucldcn.
Der Empfang war gerade kein sehr
freundlicher. „Schöne Geschichten das!"
waren die ersten Worte, als der Besucher

Friedrich Silchcr.
Nach einer Photographie von So pH ns Williams in Berlin. iS. S7g)

ziehen.
Baron
Pläne,
weit zur Besinnung, um den Gedanken, sich auf diese
Weise Genugthuung zu verschaffen, aufzugebcn. Nach
ruhiger Ueberlegung kam er aber zur Einsicht, daß er
durch solche Racheakte ebenso gut sich wie den Anderen
schadete.
Ehe er Florenz verlassen, um der kranken Gattin
nach Meran zu folgen und eine Versöhnung anzustreben,
hatte er sich aus den Klauen jener Leute befreien
müssen, die ihm Gelder vorgestreckt und infolge dessen
ein wachsames Auge auf ihn hatten. Rodenfels hatte

G e b r a nd m a r lr 1.
Roman
von
A. G. v. Suttner.
(Fortsetzung n. Schluß.) ' . , , ,
(Nachdruck Vorboten.)
rtha zuckte bei den Worten ihres Bru-
ders zusammen, aber es gelang ihr auch
sogleich, die Schwäche zu überwinden.
„Das, was damals geschehen, gehört Dir
ganz allein an; es war Dein
Werk; Du hattest den Dieb-
stahl bereits begangen, als ich —"
„Still, Heuchlerin!" rief er mit zornig
erhobener Stimme. „Erst Dein Da-
zwischenkommen festigte mich in dem Ent-
schlüsse, die That zur Vollendung zu
bringen und — doch, wozu dieser Streit?
Gut, ich nehme die That auf mich, aber
nun will ich auch endlich die beruhigende
Gewißheit haben, daß nicht Unschuldige
unter den Folgen des Verbrechens leiden
müssen. Wo hast Du jenes Papier? Gib'
es heraus, es ist mein Eigenthum, ich habe
es — gestohlen!" Seine Augen glänzten
fieberhaft, und die Stirnadern schwollen
so an, daß sie wie ein bläuliches Netzwerk
über den Schläfen lagen.
Martha war erschrocken aufgesprungen.
„Ich besitze es nicht mehr, es ist ver-
nichtet," stammelte sic ängstlich, während
ihr scheuer Blick die Thür suchte.
„Du lügst!" donnerte er, die Fäuste
ballend. „Ich sehe es Dir an, Du lügst,
Du lügst, Du lügst!"
Sic hob beschwörend die Hände. „Es
ist in Sicherheit, aber — nicht hier."
„Wo hast Du es also?"
„Laß mich jetzt, Du sollst Alles er-
fahren, aber nicht heute — später —.
Laß mich!" kreischte sie, sich von der Hand
losreißcnd, die ihren Arm umklammert
hatte, und entsetzt über den wilden Aus-
druck, der in seinem Gesichte lag, floh sie
zur Thür hinaus.
Am nächsten Morgen wurde dem
Baron gemeldet, Martha sei in der Nacht
nach Wien abgcreist und werde erst in
einigen Tagen zurückkehren.
15.
Rodensels hatte im ersten Zorne über
die Mißhandlungen, die ihm in Rotten-
hansen zugefügt worden, allerlei Rache-
Pläne geschmiedet, darunter den, seinen
Schwiegervater zum Zweikampfe zu for-
dern und ihn obendrein vor Gericht zu

einen schlimmen Ansturm auszuhalten gehabt, und es
war ihm schließlich nichts übrig geblieben, als seine
„Ersparnisse" zu Hilfe zu nehmen. Das war bitter
gewesen! Bisher hatte er gehofft, seine kleinen Privat-
vergnügungen mit den Einkünften Adelma's bestreiten
zu können, ohne sein Kapital anzutasteu, denn er wußte
aus Erfahrung, daß letzteres, wenn einmal angebrochen,
nur zu schnell auf ein Nichts zusammenfloß. Es blieb
indcß augenblicklich nichts Anderes übrig, und so mußte
er denn in den sauren Apfel beißen, entschlossen, das
Abgängige bei der nächsten Gelegenheit wieder zu er-
gänzen. Doch auch da hatte er die Rechnung ohne
den Wirth
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