Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 24.1889

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Gebrüder Grau n s.
Novelle
»Ml
Carl Ed. Klopfer.
(Nachdruck verboten.!
n einen: der hübschen Gärten, welche die an
der Grenze des kleinen Städtchens sich er-
hebenden Landhäuser umgeben, wandelte an
einem herrlichen Oktobermorgen ein junges
Paar unter den Bäumen, deren Laub die
Herbstsonne bereits in das bunte Flittcrkleid von Gelb,
Roth und Braun gehüllt hatte. Beide befanden sich
in Reisekleidern, und auch aus ihrem Gespräche war
zu entnehmen, daß sie sich zum Abschied rüsteten. Mit
einem wehmüthigen Blick streifte das junge Mädchen
die abgewelkten Ra-
senplätze, zwischen
denen sie am Arme
ihres Begleiters
langsam dahinschritt.
„Wenn ich wirklich
denken müßte, daß ich
diese Stätte nie wie-
dersähe," sagte sie,
„den Schauplatz von
Freud und Leid mei-
ner Kindheit! Als ich
den armen Vater ver-
lieren mußte, da
war's mir wenigstens
ein Trost, hier durch
jedes Bäumchen, das
er gepflanzt, durch
jedes Plätzchen, auf
dem er gerne geweilt,
täglich an ihn er-
innert zu werden.
Und jetzt sollen fremde
Menschen hier Hau-
sen! Mir ist's, als
stürbe mir der gc-
liebteTodtezum zwei-
ten Male."
Der Mann, eine
auffallend hübsche
Erscheinung, blieb
stehen und sah seiner
Begleiterin lächelnd
in das sanfte, lieb-
liche Gesicht.
„Aber Schätzchen,
wer sagt Dir denn,
daß Du niemchrhier-
her zurückkehren
sollst? Ein Besuch
an der Stätte Deiner

nennst, entgegenbrächtest," erwiederte Marianne in
eineni so unbefangenen Ton, daß ihre Worte kaum
einen Stachel besaßen. Emmerich lachte auch ganz fröh-
lich auf.
„Vielleicht hast Du's errathen. Was kann ich da-
für, daß ich die Dinge nicht mit Deinen seelenvolleu,
sinnigen Augen betrachte! Aber warte, wenn Du erst
mein angetrautes liebes Weibchen geworden bist, dann
will ich mich redlich bemühen —"
„Was?" entgegnete sie mit liebenswürdigem Spott,
„auch so eine langweilige Schwärmernatur zu werden,
wie ich?"
„Habe ich Dir jemals dergleichen vorgeworfen?"
sagte er rasch.
„Nein, nein," lächelte sie im Weitergehen; „so
nennst Du mich höchstens in Gedanken. Aber es schmerzt
mich, daß Du mich uoch so wenig kennst. Du bist
viel in der Welt herumgekommen, hast Deine Jugend-
liebe weit genug hinter Dir, um sie schon vergessen zu
haben, und lächelst
nun über die Ge-
fühlsäußerungen
meines unerfahrenen
Herzens. Ich schätze
ja Deine Ehrlichkeit
hoch, mit der Du mir
unumwunden gestan-
den hast, daß ich nicht
die Erste bin, die Dein
Herz zu fesseln ver-
mochte. Daß ich^s
überhaupt konnte, ich
gestehe es, das ist mir
räthselhaft, denn Du
mußt auf Deinem
Lebensweg doch sicher
schon weit liebens-
würdigeren Frauen
begegnet sein —"
„Du Närrchen!
Weißt Du dennnicht,
daß der, welcher sich
im wilden, ermüden-
den Strudel der Welt
herumgeschlagen hat,
erst erkennen lernt,
wo die süße Blume
einer echten, trauten
Liebe am herrlichsten
blüht? Ich glaubte
einst, mein Leben
schon genossen zu ha-
ben, weil ich mich er-
mattet fühlte, da bin
ich Dir begegnet, und
für alle Zeiten sei die
Stunde gesegnet! Du
sollst meine Lehrmei-
sterin sein, die mich
zu einem besseren

Kindheit steht Dir ja immer frei, so oft Du Verlangen
darnach trägst."
Die junge Dame entwand sich mit einer sanften
Bewegung seinem Arm, den er um ihre Taille zu legen
versuchte, und zuckte mit einein Seufzer die Achseln.
„Du verstehst mich nicht, Emmerich —"
Sie wollte mehr sagen, brach aber mit einem er-
neuten Seufzer ab, der wieder ein Lächeln auf die Lip-
pen des Begleiters lockte.
„Dein ewiger Vorwurf, Marianne! Doch Du magst
Recht haben, ich bin keine besonders romantische Natur.
Am Ende steckt doch das Kaufmannsblut in mir, ob-
wohl mein Bruder das bestreitet. Ucbrigens kannst
Du es mir doch auch nicht verdenken, wenn ich Deine
sentimentale Neigung für dieses Städtchen nicht zu
thcilen vermag. Mir leben ja hier keine süßen Erinne-
rungen, ich bin ja fremd hier."
„Nun, ich glaube, Du hast auch sonst keinen
Ort, dem Du das, was Du .sentimentale Neigung'

Nothverband. Nach einem Gemälde von Geza Peske. (S. 603)
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