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Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 24.1889

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https://doi.org/10.11588/diglit.51129#0063
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geheimnißvoll

brnst Ludwig Hm'snrth, dcr »e»c strcusjischr Ministcr des Jnnrrn.
Nnch einer Photographie gezeichnet don C. Kolb. (T. 63)

Schwerfällig erhob sie sich. Nachdem sie das Heft
zu den sorgfältig aufbewahrten Tafeln verschlossen
hatte, schritt sie einige Male auf und ab. Doch das
geräumige Gemach schien ihr zu eng, die Luft in dem-
selben ihr zu schwer zu werden. Sie sah nach dcr
Uhr. Die zweite Morgenstunde hatte begonnen. Leise
öffnete sie die Kammer, in welcher Maud und Sun-
bcam schliefen. Eine rothe Ampel verbreitete in der-
selben mattes, geheimnißvolles Licht. Im lieblichen
Kontrast zu einander und inmitten der nach orien-
talischer Sitte getroffenen Einrichtung glichen die Träu-
menden selber einem Traum. Holde Unschuld schmückte
ihre Züge, kindliche Sorglosigkeit regelte ihren Athem.
Sinnend betrachtete die Gräfin das bezaubernde
Märchenbild. Sie mochte dcr Zeiten gedenken, in
welchen sie selbst ähnlich in den Tag hineinlebte; denn
ihr Antlitz, eben noch undurchdringlich hart und strenge,

Zweite Abtheilung.
Per Loolse.
Gierkes Kapitel.
Der südlichste jener das westliche.Nor-
wegcn charakterisircnden Fjorde ist der
Buknfjord mit dcr im geschützten Winkel
sich erhebenden altehrwürdigen Stadt
Stavanger. Sehr umfangreich und weit
verzweigt schneidet er tief in das Fest-
land ein. Seewärts, wo man sie als
unerschütterliche Wogeubrechcr bezeich-
nen möchte, wie in dem Fjord selbst,
tauchen nach allen Richtungen größere

Die beiden Dachten.
Roman
von
Balvnin Möllhanscu.
(Nachdruck verboten.)
as Meer rauschte. Zischend glitten die zcr-
theilten Fluthen an den glatten Wänden
der vor gepreßten Segeln einherschießenden
Pandora hin. Singend und Pfeifend fuhr
der Wiud durch die Takelage. Der durch
düs Prunkgemach hindurchragende Mast
knarrte verdrossen in seinem Lager. Gläser
'— und Silbergefäßc klirrten
in ihren Brcttausschnitten. Geräuschlos
schwangen die Lampen in den sie tragen-
den Ringen. Die beiden Jagdpanther
schliefen auf derselben Stelle, auf welcher
sie sich vor Stunden ausstreckten. Tiefer
hatte die Gräfin ihr Haupt geneigt. Die
Hände mit dem Heft waren auf ihren
Schoß gesunken. Fest hafteten ihre Blicke
an den Schlußworten der letzten Seite.
Ihr Antlitz hatte wieder den äußeren
Charakter des Marmors angenommen.
Mit der Starrheit der Züge stand im
Einklänge die fahle Farbe der Wangen.
So lange sie las, hatte sie ihre Selbst-
beherrschung bewahrt. Kein kürzerer
Athemzug legte Zeugniß ab von der in
ihr wogenden heftigen Erregung. Nur
tz/"geutlich fuhr sie mit der schmalen
Hawv-über ihre Augen, wie um dieselben
zu klären, daß die Buchstaben nicht in-
einander verschwammen. Mit dem Lesen
des letzten Wortes war aber auch die
Gewalt, welche sic über sich selbst besaß,
erschöpft. Die um die Lippen lagernde
herbe Strenge ging in Feindseligkeit über,
nur allmählig zu jenem unheimlichen
Ausdruck dämonischer Grausamkeit sich
zu verschärfen.
Die Zeit schlich dahin. Die Gräfin
schien der Gegenwart nicht mehr anzu-
gehören, im Geiste unbekannte Fernen
zu durchschweifen. Da weckten Kom-
mandorufe, Poltern und Stampfen
schwerer Füße sie aus dem traumähn-
lichen Zustande. Sie lauschte nach oben.
Flüchtig heftete sie den Blick aus den
ihr zu Häupten hängenden Kompaß. Die
Magnetnadel schwang leise nach Steuer-
bord hinüber. Sie kannte die Bedeu-
tung. Die Pandora war zum Wenden
durch den Wind gedreht worden. Es
folgte der seltsame Gesang, mit welchem
mau das Aufgieren der Schoten und das
Brassen begleitete.

erweichte sich gleichsam zu einem Ausdruck der Milde.
Geräuschlos trat sie in das Prunkgemach zurück. Ein
Tuch um die Schultern werfend und den gewohnten
lackirten Hut auf dem Haupte befestigend, begab sie
sich nach dem Quarterdeck hinauf.
Helles Mondlicht umströmte sie dort oben. Nach
wie vor jagten sich die Wolken am Himmel, aber in
geringerer Zahl und weniger massig, so daß sie von
dem Silberschein des Mondes durchdrungen wurden.
Scharf pfiff der Wind durch die Takelage. Das Meer
rauschte und sandte hin und wieder eine weißlcuchtende
Schaumgarbe über Deck. Gleichmäßig stampfte die
Pandora. Bald wies der Klüverbaum schräge gen
Himmel, bald bohrte der scharfe Bug sich tief in die
nächste See ein, daß die Schaumstrahlen zischend aus-
einander stäubten. Die Matrosen der Wache rasteten.
In gemessenen Schritten wandelte Simpson vor dem
Kompaßhäuschen auf und ab, im Bor-
beigehen zuweilen eine Bemerkung au den
Mann hinter dem Steuerrade richtend.
Sobald er die Gräfin gewahr wurde,
schritt er ihr entgegen.
„Ich habe mich entschieden," redete
sie ihn ruhig an. „Auf die Gefahr hin,
daß Air. Lowcastle auf seinem,Eremit'
die Jagd nach einer Verrückten erneuert,
zuerst nach Liverpool, um die Vorräthe
zu ergänzen. Vielleicht benutze ich die
Zeit zu einem kurzen Ausfluge nach
Marleyhouse. Dann nach der norwegi-
schen Küste hinüber."
Simpson verneigte sich. Leicht er-
rathend, daß die Gräfin ein weiteres
Gespräch zu vermeiden wünschte, nahm
er seinen unterbrochenen Gang wieder
auf. Jene hatte sich auf eine an der
Brüstung hinlaufende Bank niederge-
lassen. lieber Bord schauend gab sie ihre
Schläfen der kühlen Luftströmung preis.
Als der Morgen graute, saß sie noch
immer da, den einen Arm auf die Brüstung
gestützt und das Haupt tu der Hand
rastend. Es rief den Eindruck hervor,
als hätte das Rauschen des Meeres Er-
zählungen in sich geborgen, welchen sic
gespannt ihr Qhr lieh.
 
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