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Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 24.1889

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https://doi.org/10.11588/diglit.51129#0435
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mich von hier

icoiiteMUdmiral Demhard, bhcf des deutsche» Blockadegeschwadcrs n» der ostafriknuische» Küste.
Nach einer Photographie gezeichnet von C. Kolb. (S. 443)

Hastig richtete Karen sich aus. Die Gluth ihrer
Wangen hatte sich bis unter das üppige blonde Haar
hinaus ausgedehnt.
„Der Niels ist nicht da, daß er's sähe und seinen
Aerger daraus zöge," sprach sie leidenschaftlich, „und
kommt er, für Mutter und Großmutter selber zu sor-
gen, so hab' ich nichts mehr zu schaffen hier. Hört
er's nachträglich, soll's mich nicht kümmern. Unehrlich
ist Keiner dadurch geworden, wenn ich der Mutter und
Schwester des Erich Larsen um meiner eigenen Mutter-
willen gefällig bin."
„Wie lange mag er schon fort sein?" fragte die
Greisin über den wirbelnden Faden hin, sobald sie den
Namen ihres verlorenen Lieblings nennen hörte.
Christine Knudson und Karen kehrten sich ihr zu.
Auf dcnr Antlitz der Ersteren webte Mitleid; ängst-
liche Spannung offenbarte sich in den Zügen Karen's.

Die beiden Yachten.
Roman
von
Balduin Möllhansen.
(Schluß.)
(Nachdruck verboten.)
er Vater?" fragte Karen achselzuckend. „Aur-
in der ersten Zeit war's ihm nicht recht,
daß ich täglich zu Euch ging. Nachdem
ich aber den städtischen Herrn abgewiesen
hatte, dem so viel an seinen Kronen ge-
legen, daß er mich mit in den Kauf nehmen
wollte, und dann den reichen Schiffer, der
eigens von obenheruntcrgekommen war, um
fort zu heirathen, ließ er mich gewähren.
Wurde er mir deshalb gram, was küm-
mert's mich! Und es wurmt ihn mächtig,
daß ich meine Füße nicht mehr zum Tanz
ansehe. Lieber bleibe ich ledig, als daß
ich Jemand heirathe, der mir zuwider.
Denn ohne Liebe zu freien, bringt Un-
glück, ich merk's an der Mutter, und
redete die nie ein Wort darüber, so seh'
ich ihr doch an, wie's an ihrem Herzen
frißt. Auch scheint'?, als ob's dem Vater-
nahe ging, daß sie noch schweigsamer ge-
worden und trübseliger dareinschaut, über-
haupt das Lachen in unserem Hause fremd
geworden ist. Ich mein' oft, es fährt ihm
Dieses oder Jenes durch den Kopf, was
nicht mehr zu ändern, denn ich könnte Euch
unsere ganze Milch zntragen, ohne daß
er's wehrte."
So lange Karen mit niedergeschlagenen
Augen sprach, ließ Christine Knudson ihre
Arbeit ruhen. Theilnahmvoll, jedoch nicht
ganz frei von einem Gefühl heimlichcr
schadenfreude, sah sie in das schöne Antlitz
mit den trotzig emporgeworfenen Lippen
und der von heftiger Erregung zeugenden
Gluth auf den Wangen. Bis in's Herz
hinein sah sie dem Mädchen, bis in das
wunderliche Herz, welches sich einst darin
gefiel, ihren Sohn Niels mit schönen Wor-
ten und blanken Augen nach sich zu ziehen
und in demselben Athem zu verspotten,
jetzt aber, da der Spielball der eigen-
willigen Laune fern, für keinen Menschen
mehr ein freundliches Wort hatte.
„Wenn Du so redest, da muß ich
freilich die Gefälligkeiten über mich er-
gehen lassen," erwiederte sie nach einer-
kurzen Pause des Sinnens, „ob's aber
dem Niels recht wäre, wüßte er's, möcht'
ich nicht behaupten. Der ist nämlich stolz
und duldet nicht, daß Wir von dem Mit-
leid Anderer Vortheil ziehen."

Aus vielfacher Erfahrung wußte sie, welche Wendung
das Gespräch nunmehr nehmen würde, wenn nicht eben
der Zufall es störte.
„Ich kann's nicht berechnen," antwortete Christine
Knudson nach alter Weise, „sind doch Jahre verstrichen,
seitdem er in die Welt ging."
„Viele Jahre, Christine. Unser Niels stolperte da-
mals noch nicht lange in seinen ersten Schuhen herum.
Laß mich sehen - drei-, vierundzwanzig Jahre mag's
her sein. Hätte er nur ein einzig Mal geschrieben.
Aber er kommt, ich kann d'rauf schwören, er kommt,
und wär's auch uur, um sich den Segen seiner alten
Mutter zu holen und ihr die Augen zuzudrücken. Der
arme Erich, ginge ihm das Schreiben so von Händen,
wie dem Niels, möchten wir öfter von ihm gehört
haben. Wie lange ist's her, seitdem der letzte Brief
von ihm eintraf?"
„Beinah vier Wochen," hieß es be-
reitwillig zurück, „er befand sich in New-
Hork und noch immer an Bord der Pan-
dora."
„Pandora," wiederholte die Greisin
nachdenklich, „ein heidnischer, wohl gar-
em sündhafter Name. Schrieb er nicht,
wann er hcimkehren würde?"
„Er wußte es selber noch nicht."
„Laß mich den Brief noch einmal
hören. Ist mir's doch, als spräche er
selber zu mir."
Christine erhob sich, um, wie fast all-
abendlich, ihren Wunsch zu erfüllen. In-
dem sie das Schreiben aus der Truhe
hervorholte, warf sie einen verstohlenen
Blick auf Karen. Herzliche Theilnahme
lugte aus ihren guten Augen, als sie
gewahrte, daß diese ihre Bewegungen
gleichsam eifersüchtig überwachte.
Auf ihren Platz zurückkehrend, reichte
sie den: Mädchen den Brief mit den
Worten- „Meine Augen fühlen's Alter
schon ein wenig; auch macht das Lampen-
licht die Buchstaben ineinander fließen.
Da bist Du besser daran. Ist Dir's nicht
zu viel, so lese Du ihn der Mutter vor."
Obwohl längst mit dem Inhalt ver-
traut, entfaltete Karen den Brief hastig.
Ihre Blicke senkten sich ans die Zeilen,
dann las sie:
„Geliebte Mutter und Großmutter!
Heute von New-Pork aus die letzten
Worte. Wir richten uns darauf ein,
Anker zu heben, da gibt es viel zu thuu.
Wohin wir unseren Kurs nehmen, weiß
ich nicht, auch nicht, wann ich heimkehre.
Unsere gute Gräfin redet nie über ihre
Pläne Ich meine oft, ihre richtigen
Pläne werden erst auf hoher See klar.
Hab' schon einen hübschen Beutel Dol-
lars erspart, und die sollen Euch zugute
kommen. Bin ich erst bei Euch, dann
 
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