Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Metadaten

Das Buch für alle: illustrierte Blätter zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie und Jedermann — 24.1889

DOI issue: DOI Page / Citation link: 
https://doi.org/10.11588/diglit.51129#0268
Overview
loading ...
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
262

Sic auf eine falsche Führte. Ich seh' überhaupt nicht
ein, was das nut meinen Kindern zu schaffen hat.
Machen Sie die Sache kurz. Nennen Sie den Preis,
den Sie d'ran wenden können. Sagt er mir zu, so
bleiben sie bei Ihnen, sonst begleiten sie mich zur
Großmutter zurück."
Schärfer gelangte unerbittliche Grausamkeit in den
Zügen der Gräfin zum Ausdruck, indem sie bemerkte:
„Wer auf See stirbt, pflegt in's Meer versenkt zu wer-
den. Da unten in schwarzer Tiefe schläft sich's ebenso
sanft, wie zwischen Erde und Gestein. Das würde
auch ein gewisser Baronet Parson behaupten, welcher
in der Höhe der Aurora-Inseln mit etwas Nachhilfe
von verrätherischer Hand über Bord fiel."
Die Physiognomie Galbrett's hatte den äußeren
Charakter eines Todten angenommen. Die mittelbaren
Anklagen waren zu plötzlich auf ihn hereingebrochen,
um ihnen mit der berechnenden Verstocktheit eines Ver-
brechers begegnen zu können. Es gelang ihm indessen,
anscheinend entrüstet hervorzübringen: „Ich verstehe
die ganze Spionirerei nicht, halte dafür, ich wieder-
hol's, daß sie nichts mit der Ursache gemein hat, wegen
deren ich an Bord berufen wurde."
„Sie wissen nichts von den Aurora-Inseln;? Nichts
von den Ereignissen, welche sich dort vor dreiund-
zwanzig Jahren abspannen?" fragte die Gräfin un-
beirrt und wie Nadeln bohrten ihre Blicke sich in die
entsetzt schauenden Augen Galbrett's.
„Nichts," betheuerte dieser; „ich beschwör's bei
meiner Ehre und Seligkeit."
Die Gräfin klingelte.
„Ghastly soll hereinkommen," befahl sie der ein-
tretenden Aufwärterin; dann begann sic in einem vor
ihr auf dem Tisch liegenden Buch nachlässig zu blättern.
Galbrett erlitt unterdessen Todesqualen. Es schwebte
ihm vor, dem unheimlichen Verhör durch die Flucht
sich zu entziehen, und doch wagte er nicht, sich zu
rühren. Und wie weit wäre er nach solcher unzwei-
deutigen Offenbarung seines Schuldbewußtseins über-
haupt nur gekommen? Seine letzte Hoffnung begrün-
dete sich darauf, daß man auf Verdachtsgründe hin ihm
sein Verderben vielleicht nur vorspiegele, um sich der
Kinder auf bequemere Art bemächtigen zu können.
Wie ein Gespenst erschien ihm die Gräfin mit ihrer
eisernen Ruhe, wie ein allwissender Höllengeist, der
nur darauf wartete, ihn zu würgen und an den Ort
seiner letzten Bestimmung zu schleppen.
Schritte näherten sich draußen. Gleich darauf trat
Ghastly ein. Auf die nunmehr folgende Scene vor-
bereitet, glich er mehr denn je zuvor einem dem Grabe
Entstiegenen. Galbrett warf einen scheuen Blick auf
ihn, keyrte sich aber sogleich wieder ab. Er entsann
sich nicht, ihn jemals zuvor, außer bei der ersten Begeg-
nung an Bord der Pandora, gesehen zu haben, und
doch flößten seine tiefliegenden Augen ihm von Aber-
glauben getragenes Entsetzen ein.
„Ghastly," redete die Gräfin diesen an, „kennen
Sie den Mann, der da sitzt?"
„Ich sollte ihn wohl kennen," 'antwortete Ghastly
mit seiner seltsam hohlen Stimme, „sind wir doch ein
Jahr und drüber mitsammen auf der Emilia, Kapi-
tain Sherburn, gefahren."
Galbrett fuhr herum und sprang auf, sank aber
sogleich wieder auf seinen Sih zurück. Zugleich er-
wachte in ihm der Selbsterhaltungstrieb, und von die-
sem durchdrungen, stieß er wüthend hervor: „Aber ich
kenne Sie nicht! Wer sind Sie in der Hölle Namen,
der da glaubt, 'nem ehrlichen Menschen irgend 'nen
verdammten Unsinn anhängen zu können?"
„Bill Fathom, einst Schiffsjunge an Bord der
Emilia."
Galbrett versteinerte förmlich unter der Wirkung
dieser Worte. Der letzten Fassung beraubt, stierte er
in Ghastly's Antlitz. Trotz der in demselben statt-
gefundenen Veränderung mochte er diesen oder jenen
bekannten Zug entdecken, denn er öffnete den Mund,
um zu sprechen, vermochte aber kein Wort hervorzu-
bringen. Die Zunge war ihm wie am Gaumen fest-
getrocknet.
„Wollen Sie mehr hören?" fragte die Gräfin ruhig
und daher um so bedrohlicher, „oder sind Sie bereit,
auch ohne das mir wahrheitsgetreue Auskunft über die
in ferner Vergangenheit liegenden Ereignisse zu er-
theilen?"
Galbrett neigte das Haupt zustimmend. Vollständig
vernichtet, war er unfähig, die in seinem Kopfe durch-
einander schwirrenden Gedanken von einander zu trennen.
Die Gräfin, welche ihn fortgesetzt scharf überwachte,
bedeutete Ghastly, sich zu entfernen.
Zwanzigstes Kapitel.
Nachdem Ghastly die Kajüte verlassen hatte, hob die
Gräfin zu Galbrett gewendet an: „Sie sind sich also
klar darüber, daß es in meiner Hand liegt, Sie heute
noch dem Strafrichter auszuliefern. Die Folgen eines
solchen Verfahrens werden Sie ohne weitere Erklä-
runc;cn leicht genug ermessen. Vorläufig beabsichtige
ich indessen nicht, bis zur äußersten Grenze zu gehen.

Das Buch für All c.
Zunächst wünsche ich, Ihren Kindern das Bewußtsein
zu ersparen, daß sie einen Zuchthäusler Vater neunen,
dann aber will ich Ihnen Gelegenheit geben, sich von
der gerechten Strafe loszukaufen. Dies ist allein mög-
lich, wenn Sie mir genaue Auskunft über Denjenigen
crthcilen, welcher damals die Meuterei anstiftete und
sein teuflisches Werk dadurch krönte, daß er vier arg-
lose, ehrenwerthe Männer einem gräßlichen Tode preis-
gab. Ich fordere nichts Unvernünftiges. Sie, als
Mitschuldiger, wahrscheinlich auch beim Morde des
jungen Baronets, verließen gemeinschaftlich mit jenem
Mac Lear das angeblich gescheiterte Schiff, müssen
Wissen, wohin er sich wendete, sind also in der Lage,
mich auf seine Spuren zu führen. Das ist meine
unabweisliche Forderung. Sind Sie bereit, dieselbe
zu erfüllen?"
Galbrett warf einen rathlosen Blick um sich. Ver-
geblich sann er auf einen Ausweg aus der verhäng-
nisvollen Lage. Erst allmühlig webte es in seinen
tückischen Augen wie das Hinneigen zu einem bestimm-
ten Entschluß. Aehnlich dem Ertrinkenden, welcher den
ihm vom Zufall in die Hand gespielten Strohhalm
mit letzter schwindender Kraft Packt, so klammerte er
sich an die Hoffnung an, durch bereitwilliges Eingehen
auf die ihm gestellte Bedingung das drohende Ver-
derben von sich abzuwenden.
Tief auf seufzte er, dann antwortete er hastig: „Hier
unter vier Augen will ich offen reden; jedoch nicht in
Gegenwart von mehr Zeugen."
„Gut," versetzte die Gräfin geschäftsmäßig, „Sie
versprechen ferner, allen Anrechten an Ihre unschul-
digen Kinder endgiltig zu entsagen, ihnen nie nachzu-
spüren oder, im Falle einer zufälligen Begegnung,
näher zu treten? Ich weiß, Ihr Versprechen hat keinen
Werth, allein Sie werden es halten, wenn ich feierlich
gelobe, daß Ihr erster Versuch, meiner Forderung zu-
wider zu handeln, mit einer Anklage auf Meuterei
und Mord beantwortet wird."
„Auch das verspreche ich," erklärte Galbrctt wiederum
hastig, als hätte er dadurch die Brücke zur Umkehr
hinter sich abbrechen wollen. Er sann einige Sekunden
nach; zugleich prägte sich teuflischer Triumph auf seinen
Zügen ans. „Ja, ich beschwöre es," bekräftigte er sein
Wort mit Eifer, „ich beschwöre es bei Allem, was Sie
mir als heilig Vorhalten mögen. Den letzten Anrechten
an die Kinder entsage ich. Thun Sie mit ihnen, was
Ihnen beliebt. Durch mich sollen sie nie erfahren,
wer ihr Vater ist. Was ich in jungen Jahren ver-
brach, kann mir heut nicht mehr angerechnet werden.
Es ist längst verjährt. Gehen Sie aber darauf aus,
Gericht über Diejenigen zu halten, die einst vom Glanze
blanken Goldes verblendet wurden — o, da könnte ich
Ihnen noch mehr verrathen. Ich könnte Ihnen Dinge
von dem Manne erzählen, ohne dessen Anleitung das
Ereigniß bei der Aurora-Insel überhaupt nicht mög-
lich gewesen wäre, Dinge, welche Ihnen die Haare zu
Berge stehen machten. Dinge, durch welche Sie ihn,
sofern er noch lebt, in einer Weise zu strafeu vermöch-
ten, gegen welche alle Qualen der Hölle Spielerei
wären." Und indem er also sprach, schwand mehr und
mehr der Ausdruck seiner bisherigen Furcht vor dem
eines tief gewurzelten unauslöschlichen Hasses. „Ja,
Dinge," führ er sich gleichsam überstürzend fort, „daß
wenn Sie ihm dieselben vorhielten, er sich vor Ihnen
auf der Erde krümmte, wie ein zertretener Wurm.
Dinge aber auch, die Werth sind, daß Sie mich un-
behindert meiner Wege ziehen lassen, mir sogar noch
eine runde Summe auszahlen, um wenigstens in nächster
Zeit gegen Noth geschützt zu sein. Denn nachdem ich
die Kinder d'ran gab, die ich mit Mühe und Geduld
zu Künstlern heranbildete, welchen die ganze Welt offen
steht, kann meines Bleibens bei der alten Großmutter
nicht länger sein. Ha! Großmutter!" und wie von
Wahnwitz befallen, lachte er höhnisch auf, „was fragte
die Großmutter nach ihrem Tochtermann, dem Spieler,
was nach den Spielerkindern, wenn sie deren Brod
nicht gegessen hätte?"
Düsteren Blickes betrachtete die Gräfin das feind-
selig verzerrte Gesicht des verworfenen Abenteurers.
Es mochte ihr Vorschweben, welche Rohheit des Ge-
müthes dazu gehörte, die Wittwe eines Mannes, zu
dessen schrecklichem Ende er, wenn auch nur mittel-
bar, das Seinige beigetragen hatte, aufzusuchen und
seine Tochter zum Weibe zu nehmen, allein sie vermied,
einen Umstand zu berühren, für welchen sie bei ihm
kein Verständnis voraussetzen konnte. Während ans
ihren Zügen abwechselnd glühender Haß und Unglaube
sich ausprägten, dann wieder räthselhafte, unheimliche
Gier und herbes Leid, sann sie ernst nach.
Einen kurzen aber schweren Kampf um ihre Selbst-
beherrschung kämpfte sie, dann fragte sie eintönig: „Sie
erwarten, daß ich einem Manne von Ihrem Werthe
und mit Ihrer Vergangenheit auf's Wort glaube?"
„Für jedes Wort, welches ich sprach, vermag ich
Beweise beizubringen," erwiederte Galbrett mit fieber-
hafter Eile, denn es entging ihm nicht, daß er durch
seine geheimnißvollen Andeutungen ein gewisses Ueber-
gewicht über die Gräfin gewonnen hatte.

Hrst I I.
„Mit Ihren wilden Offenbarungen beziehen Sie
sich auf Mac Lear, den verrüthcrischen Steuermann?"
fragte diese im Tone des Zweifelns.
„Rur auf ihn, den Vormann bei der Meuterei."
„Sie können mich zu ihm führen?" hieß es weiter.
„Bis unter sein Dach und an seinen Tisch."
„Ich müßte Sie also an Bord behalten? Nein,
damit wäre mir nicht gedient. Ich will auf meiner
Pacht nicht dieselbe Luft mit Ihnen cinathmen, will
nicht sehen, daß die beiden Kinder fernerhin in Ver-
kehr mit ihrem gebrandmarkten, ihre Gemüther voll-
ständig vergiftenden Vater treten. Dagegen fordere
ich unter Androhung eines auf Sie hcrcinbrechenden
fürchterlichen Verhängnisses, daß Sie mir genau den
Weg beschreiben, auf welchem ich zu Mac Lear ge-
lange."
„Auch dazu bin ich bereit zu jeder Stunde," ver-
setzte Galbrett mit einer so scharf ausgeprägten Ge-
hässigkeit, daß die Gräfin, geheimnißvolle Beziehungen
zwischen den beiden ehemaligen Genossen ahnend, nicht
länger fürchtete, von ihm hintergangen zu werden.
„Was verlangen Sie für Ihren Judasdienst?"
fuhr sie fort; „vergessen Sie nicht, daß es mich nur
einen Wink kostet, Ihre sofortige Verhaftung zu be-
wirken. Geschieht es nicht, so begründet sich das auf
höhere Rücksichten, welche sich Ihrer Beurtheilung ent-
ziehen."
Bei dieser versteckten Drohung wechselte Galbrett's
Gesichtsfarbe wieder, jedoch schnell gefaßt antwortete
er: „Schererei können Sie mir genug machen, das
räume ich ein, ob es Ihnen aber nach der langen Zeit
gute Früchte einträgt, ist eine andere Frage. Mein
Nein ist so viel Werth, wie das Ja jedes Anderen, und
wer gegen mich zeugen könnte, ich meine den Bill
Fathom, der würde sich selber anklagen."
„Meinen Sie?", floß es nachlässig von den Lippen
der Gräfin. Sie laugte seitwärts nach einem Arm-
stuhl hinüber, auf welchem mehrere der bekannten Tafeln
lagen, und die oberste Galbrett darreichcnd, forderte
sie ihn auf, die derselben aufgetragene Schrift zu be-
trachten. „Die ersten Zeilen genügen, Sie zu über-
zeugen," bemerkte sie, während Galbrett die unauslösch-
lichen Zeichen argwöhnisch prüfte, „sie wurden von dem
Kapitain Sherburn eingeschabt, und der war ein Mann,
der seine Lippen nie durch eine Unwahrheit besudelte."
Sie nahm die Tafel zurück, weidete sich einige Sekun-
den an der Bestürzung des vor ihr Sitzenden und fuhr
in ihren Mittheilungen fort: „Ich hoffe. Sie bezweifeln
nicht länger, daß trotz der entschwundenen Jahre der
Strick noch über Ihrem Haupte schwebt. Darnach
bemessen Sie Ihre Forderungen, aber auch Ihre Zu-
geständnisse. Ich erwarte entweder Alles, ich meine
blindes Eingehen auf meine Vorschläge, oder nichts.
Im letzteren Falle führt Ihr Weg von hier nach dem
Gefängniß."
Diese letzte Drohung übte augenscheinlich keinen
tieferen Eindruck auf Galbrett aus. Lag es doch in
seiner Gewalt, die denkbar günstigsten Bedingungen für
sich selbst zu erwirken.
„Für meine Enthüllungen stelle ich keinen bestimm-
ten Preis," erklärte er nach kurzem Zögern mit schlauer
Berechnung. „Geschehenes läßt sich nicht ungeschehen
machen, da muß ich über mich ergehen lassen, was Sie
für gut befinden. Aber ich vermuthe, nachdem Sie
mich zu Ende gehört haben, werden Sie mir für jedes
Wort, welches ich Ihnen anvertpaute, großen Dank
wissen."
Er säumte eine Weile, warf einen furchtsamen Blick
in die mit undurchdringlichem Ernst auf ihm ruhenden
großön blauen Augen, und begann zu erzählen.
Indem die Gräfin aber gespannt lauschte, seine
Mittheilungen mit denjenigen verglich, welche ihr durch
die Tafeln geworden, und die größte Uebereinstimmung
zwischen beiden entdeckte, gewann sie erhöhtes Ver-
trauen zu den ferneren Offenbarungen, welche bisher
außerhalb des Bereiches sogar ihrer Muthmaßungen
gelegen hatten. Sie erricth, daß neben seinem Eifer,
sich ferneren Verfolgungen zu entziehen, unauslösch-
licher Haß und Rachedurst ihn beseelten, und begriff
daher, daß er nichts verschwieg, unbekümmert darum,
wie viel er sich selbst zur Last legte, wenn es ihm nur
gelang, einen Anderen in der Färbung einer vollendeten
Verbrechernatur erscheinen zu lassen. Je nach seinen
Schilderungen bemächtigte sich ihrer bald tiefe Verach-
tung, bald starres Erstaunen. Doch was sie empfinden
mochte: auf ihrem Antlitz ruhte nur das einzige Ge-
präge ängstlicher Erwartung, welchem sich hin und
wieder ein Zug heimlicher Befriedigung bcigesellte.
Nicht mehr einen verhärteten Bösewicht sah sic vor sich,
sondern eine von ihr selbst in Betrieb gesetzte Maschine,
oder vielmehr ein aufgeschlagenes Buch, aus welchem
sie das Unerhörteste ablas, sogar mehr ablas, als je
zu erfahren sie für möglich gehalten hätte: Handhaben
zu Schritten, von welchen sie, indem sie Andere ver-
nichtete, -Frieden und Ruhe für sich selbst voraussetzte.
Eine Stunde war hingegangen, als Galbrett mit
seinem Bericht endlich äbschloß. Es war längst dunkel
geworden. Die Gräfin erhob sich und zündete die
 
Annotationen