Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,4.1918

Seite: 13
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als des Maaßes der Welt — kurz, wer diesen Glauben teilt, für den ist
sein Erneuerer Stefan George im Werk so einfach und vertraut wie denen
welche ihn persönlich kennen."

So also sehn ihn seine Verehrer.

L^>ach alledem scheint mir George auch unschuldig an einem allerdings kind--
-^t-lichen und verderblichen Mißverständnis, das sich an sein Schaffen knüpfte,
dem: als ob die „Form", das Einhalten bestimmter „Regeln" der rhythmischen
Gliederung und der Reimung das wichtigste Merkmal der echten Dichtung
sei. Ein Mißverständnis, das etwa Platen sehr gefördert hat. Gewiß hat sich
George von den heute und seit Iahrzehnten bevorzugten „freien Formen" fern-
gehalten, aber er ist nicht wie Platen in läppische „Form"-Spielereien ver-
fallen; die Mehrzahl seiner Gedichte ist durchaus schlicht; und wo er un-
gewöhnliche Mittel aufwendet, wirkt er auf mich wenigstens nicht affektierter
als die größtcn deutschen Dichter im gleichen Falle, meist eher wie ein schwer
Ringender, dem es wirklich darum zu tun ist, Dinge „entsprechend" auszu-
sagen, die er nicht ohne solchen Aufwand für ausdrückbar hält.

Nach dem absichtlich kritiklosen Bericht über Georges Streben, für dcssen Ernst
Männer wie Simmel und Gundolf zeugen, endlich ein persönliches Urteil. Solange
und so oft ich mich auch mit Georges Gedichten beschäftigt habe, ist mir doch
nicht eins davon wertvoller innerer Besitz geworden. Er vermag nach meinem
Gefühl einige sehr „besondere", sozusagen „komplizierte" Stimmungen in eigner
Weise festzuhalten, vermag einer vornehmen und adligen Gesinnung mittelbar
und unmittelbar Ausdruck zu geben, aber er bleibt trotzdem matt, so oft er
nicht schlechthin unverständlich, oder nur den Eingeweihten verständlich bleibt.
Er wird für mich unerträglich, wenn er, wie in den letzten Iahren, religiöse
Töne anschlägt. Sein ganzes Gedichtwerk stelle ich für mein Teil gewiß nicht
den Gebilden läppischer Versmacher gleich, aber auch ganz gewiß nicht höher, als
etwa die Gedichte dritten und vierten, nicht etwa ersten und zweiten Ranges der
ihm vcrwandten, aber stärkeren, reicheren und ursprünglicheren Dichter, wie C. F.
Meyer, oder gar eines so Großen wie Hölderlin. Wenn der Kreis von Vor-
stellungeu und Gefühlen, Strebungen und Ideen, den Georges Gedichte um-
fassen, dcr eigentliche Inhalt eines „überzeitlichen Menschentums" ist, so
scheint mir dieses schal und ärmlich. Lieber will ich in dem freilich
nicht immcr besonders ästhetisch erfreulichen Strom des Zeitenlebens mit an°
deren Strebenden einige Iahrzehnte hindurch Gefahren die Stirn bicten nnd
endlich ringend untergehen oder zum Schluß ein stium oum ckigiiitute genießen,
als in der selbstgenügsamen Sekte meine Zeit mit dem verbringen, was mir da
als gehobencs Mensch-Sein vorgestellt wird. Selbstverständlich erblicke ich in die-
ser angeborcncn Schwäche Georges auch die natürliche Ursache seines Schei-
terns. Mchr als eine bescheidene Sekte ließ sich auf sein gewiß ernstes und
vornehmes, aber auch dürftiges und mattes Programm nicht sammeln — dazu
haben die „Barbaren" von heute nicht zuviel verächtlichen „Zeitgeist" in sich,
sondern zuviel Geist und zuviel Blut. Und wohl nicht aus Ehrfurcht lassen
jetzt die „Marktbcherrschenden" das einsame Schloß unbehelligt, sondern weil
sie kaum davon hören und, wenn sie das doch tun, seine Bewohner für er-
trägliche und ungefährliche, freundliche, aber auch gleichgültige Leute halten.

Wolfgang Schumann

Die VerdeuLschungsbestrebungen und die Preußische
Akademie der Wiffenschaften

^ic Preußische Akademie dcr Wissenschasten hat dem preußischen Minister
sder geistlichcn und Unterrichtsangelegenheiten über die Verdeutschung
von Frcmdwörtern einen Bericht erstattet, der ein gewisses Aufsehen
crregt hat. Die Gegner dcr Verdeutschungsbestrebungen haben ihn mit lcb-
hafter Freude begrüßt. Daß aber bei ihren Freunden diese Ausführungen eine
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