Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,4.1918

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blick ist. Nichts kann wieder werden, wie es war — hier unten
fassen wir diesen Gedanken nie, ohne daß er uns lähmte. Droben aber, wo
sich vor unserm Blicke die Möglichkeiten der Menschheit wie Täler und Höhen
hinbreiten, die hergrüßen und zu sich rufen, droben aus der Äberschau über
uns und die andetn zugleich, droben gewinnen wir, was uns stärkt.
Menschen, die diese Zeit leidend in sich erleben — sie können ihre Ruhe,
ihre Kraft, ihre Klarheit, ihr Bestes retten mit dem Auftrieb, so hoch >er
einen jeden zum Freiblick rings führen mag! Itnd können damit zugleich,
wie die Flieger, zu den Aufklärern im Dienste des Volkes werden. A

Sicherungen

(Wenn wir das Ängewöhnliche tun, einen Aufsatz wie den folgenden Wal-
ther Rathenaus aus einem Tagesblatt, hier dcr „Frankfurter Zeitung", abzu-
drucken, so geschieht das nkcht etwa, weil wir ihn damit auch Andersdenkenden
als eine einwandfrei zuverlässige Prophezeiung empfehlen wollten. Sondern,
weil wir ein anschanliches Beispiel von dem geben möchten, was wir in den
einleitenden Worten dieses Erinnernngsheftes als „Auftrieb" bezeichnet haben.
Man kann die kriegspsychotische Stimmung nicht gefahrlicher fördern, als durch
das Hangen und Bangen über jede einlaufende Nachricht, um jede Möglich-
keit, um jedes Gerücht, und nicht wirksamer bekämpfen, als durch das Größe
suchende Sich-Eindenken in weltumspannende Zusammenhänge. K.-L.)

^fV^enn in einem unpolitischen Volke, das von jeher die Bestimmung
» ^seines Schicksals teilnahmlos einer kleinen Schicht von Berufsleuten
überließ, Angst und Not plötzlich erkennen lehrt, daß das Geschick des
Staates nicht eine Fachangelegenheit ist, sondern das Dasein eines jeden ein-
zelnen einschlietzt, so geschieht folgendes: Es stehen von allen Seiten treue
Politiker auf; Gewerbetreibende, Schriftsteller, Gelehrte, die früher ihrem Be-
ruf, der Bildung ihres Geistes oder Vermögens lebten nnd jeder Beschäftigung
mit Staatsgeschäften abhold waren, beginnen emsig Zeitungen und Zeitschriften
zu lesen, Lebensläufe und Geschichtsbücher zu studieren und Tagesfragen zu
erörtern; sie finden, daß die Historie manches vorgearbeitet hat, datz sich aus
geographischen und ethnologischen Begriffen, aus Sprüchen grotzer Männer
mancherlei Grundsätze ableiten lassen, die, auf die Gestaltung des Gegenwär-
tigen und Künftigen angewandt, eine Art von Politik ergeben. Wie etwa
begabte Primaner nach reichlichein Genutz dramatischer Werke einen roman-
tischen Abschnitt ihrer geschichtlichen Lektionen in wechselnder Rede nieder-
schreiben und eine handliche Tragödie vor sich gebracht zn haben glauben.

Die einfachste Form politischer Betätigung ist einmal die entschiedene und
zusammenfassende Bekräftigung dessen, was man aus fleitzigcr Lese der ge-
wohnten heimischen Blätter sich angeeignet hat, sodann, im Anschlntz, die Vor-
aussage dessen, was sich in kürzerer oder fernerer Zeit notwendig ereignen soll.

Wenn im Laufe von annähernd fünfzig Kriegsmonaten fünfzig grotze II-
lusionen, beginnend: „in drei Monaten ist der Krieg aus", „die Engländer
bringen kein Heer auf", „die Franzosen halten keinen Winterfeldzug aus"
und endend: „im Februar bricht England nieder", „im Sommer ist

Friede" sich des Landes bcmächtigen, so ist das nicht verwunderlich. Anfänglich
ist es auch nicht bedenklich, datz nach verstrichenem Termin jede Illusion Zu-
gunsten der nächsten schmerzlos verlassen, sodann infolge kurzen Gedächtnisses
von den meisten abgelrugnet wird. Bedenklicher ist, datz eine jede dieser II-
lusionen fast ausnahmslos vom ganzen Volke, von oben bis unten, von Änter-
richteten und Mitläufern geteilt wurde, und datz man jeden verfolgte und
verschrie, der sie nicht mitmachte. Hier kann Mangel an politischer Voraus-
sicht zur Gefahr werden; denn anzustreben ist nicht jene Stimmung, die sich
an irrige Einschätzung klammert, sondern die Zuversicht, die, gleichviel in
welcher Lage des Augenblicks, an die Stärke des Landes und seiner Menschcn

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