Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,4.1918

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das Parlament, die Volksvertretung als Vertretung der „bedürfenden" Massen,
über die Regierung, wieviel Macht die Stadtverordneten über den Magistrat,
wieviel Macht die Arbeiter über die Unternehmer, die Konsumentenverbände
gegenüber den Produzenten oder dem Staat als Dirigenten der Gütermengen
gesetzlich crhaltcn und wie sie sie zu gebrauchen verstehen! Nicht minder gilt
dies von der künftigen Steuerpolitik. Daß die Reichsschuldenlast zu einem be-
trächtlichen Teil „abgebürdet" werden muß und wird, steht fest. Ob dies in
„gemeinwirtschaftlichem" oder in klassenegoistischem Sinne geschieht, das ist
die Frage. Eine rein politische, eine blanke Machtfrage, denn die kindliche
Vorstellung, daß die bisher erzeugte „gemeinwirtschaftliche" Gesinnung aus-
reiche, um die Allgemeinheit von innen her zu einer wahrhaft billigen Lösung
dieser Frage zu drängen, werden auch die begeistertsten „Gemeinwirtschafter"
kaum aufrcchterhaltcn. Im Gegenteil, die erbittertsten Kämpfe, gegen die alle
frühcren als harmlose Turniere mit stumpfen Waffen erscheinen werden, stehen
uns auf Grund klassenegoistischer und andrer Einstellungen bevor. Um jedes
halbe Prozent wird der Streit mit allen erdenklichen Mitteln neu entbrennen.
Noch weniger als irgendwo sonst werden die „gemeinwirtschaftlich" Gesinnten
auf diesem Gebiet Linfluß gewinnen außer durch politische Machtbestrebungen.
Es war entweder ein phantastischer Grad von Wirklichkeitblindheit oder satanischer
Doppelhohn, wenn im Sommer ein bekannter „Demokrat" und „Staats-
sozialismus"-Schwärmer die Dinge so darstellte: die Bestrebungen, den Parla-
mentarismus einzuführen, hätten zumeist kapitalistische Hintcrgründe, sie seien
zwar gutgläubig eingeleitet, liefen aber darauf hinaus, das Volk mit dem
nutzlosen Danaergeschenk des „Parlamentarismus" zu beruhigen anstatt ihm
bodenreformerische, nahrungpolitische, „gemeinwirtschaftliche" und sonstige „reale"
Gaben zu erkämpfen. Das heißt, sich auf den Kopf stellen, um die Dinge recht
„realpolitisch" zu sehen. Denn die Bestrebungen der Linken — und darin köuntc
das Gefährliche solcher Äußerungen liegen! — könnten allerdings gelähmt
werden, so daß nur ein wenig Palastumsturz im Wallot-Bau „herauskämc"
und der „Parlamentarismus" eine papierene Angelegenheit bliebe, wenn die
natürlichen Anhänger der Linken nichts daraus zu machen verständen, wenn
die zahlreichen reformerisch Gesinnten, darunter die „Gemcinwirtschaftcr", aber-
mals den Sinn der Stunde nicht begriffen, sich mit müudlichem und schrift-
lichem Predigen begnügten, die Wirtschaftkräfte endgültig zu unumschränkten
Herren der politischen Mächte aufsteigen ließen und nicht.endlich den Kampf
um die Macht auf allen Fronten und mit allen Mitteln eröffneten.

Zn Sachen Österreichs
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crstcn Iunihefte des Kunstwarts fordert Arthur Bonus Anerken-
^Unung dafür, daß wir ausdnücklich auf die „Erlösung unserer Irredenten"
^Iverzichten. Weshalb verzichten wir sogar auf eine Agitation für die Er°
lösung dieser Irredenten? „Linmal, weil wir die Teilung unseres Volkstums
in mehrere selbständige Zweige für kulturell ungemein fruchtbar halten" und
dann, „wcil Mischstaatcn wie die Schweiz und Osterrcich uns überhaupt —
schon wcgcn ihrer Bedcutung als Vorformen des künftigen Völkerbundes —
so wichtig scheinen, daß wir ungern unvertreten in ihnen bleiben würöen."

Dieser ganze Gedankengang ist für einen Teil der reichsdeutschen Ge-
bildeten so kennzeichnend, daß es sich lohnt, sich einen Augenblick dabei auf-
zuhalten, zumal es sich ja nicht um jeden beliebigen Verfasser handclt. Man
würde dem verdicnten Kulturpolitiker auch unrecht tun, wenn man gerade ihn
für jene Gedankengänge verantwortlich machen wollte. Was gegen sie gesagt
werden muß, gilt denn auch ihm nur insofern, als er bei jeiner sonstigen
geistigcn Haltung besonders berufen wäre, sie nicht blindlings mitzumachen.

Die große, für die deutsche Politik vielleicht verhängnisvollste Frage, die
des Auslandsdeutschtums, ist hier nicht nur mit einer ungemein oberflächlichen
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