Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,4.1918

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Ie enger diese Länder mit dem Gesamtvolk verbunden wären, desto besser;
aber das darf man nicht übersehen, daß die Stellung der Deutschen sn
ihnen nicht so sehr davon abhängt, als vielmehr von dem Eintreten des
deutschen Gesamtvolkes für ihre Interessen und von völkischer Schutzarbeit.

Raimund Friedrich Kaindl

Llnd wieder einmal: Briefmarken!

aber aus freundlichem Anlaß. Es ist nun mehr als zehn
/Iahre her, daß der Dürerbund aus seinen damals noch sehr bescheidenen
Mitteln sein Preisausschreiben um Entwürfe für Münzen und Brief-
marken erließ. Was wir schon vorher privatim und öffentlich getan hattcn,
haben wir seitdem «benso fortgesetzt, nennen wir's kurz und grob: gewühlt.
Der gegenwärtige Zustand, daß wir so ziemlich die schlechtcsten Münzen und
schlechtcsten Briefmarken unter allen Völkern der Erde haben, steht jetzt mit
ncuen Lichtern beleuchtet für solche Sinne, die Kultur-Rnwägbarkeiten über-
haupt wahrnehmen können: wie meisterlich sind wir bei den einzigen Werken
der Metallkunst, die durch alle Häuser im Reiche und rings um die Erde
laufen, der Gelegenheit aus dem Wege gegangen, mit ihnen für unsre Kultur
zu zeugen, und wie vortrefflich haben wir verstanden, mit unsern Briefmarken
tagtäglich auf der ganzen Welt von der „Iämmerlichkeit deutschen Geschmackes"
zu zeugen, als wärc der „Geschmack" dieser Briefmarken der Deutsche! Nun hat
jemand dem Landcsgewerbe-Museum in Stuttgart Geld für ein neues Preis-
ausschreiben um deutsche Reichspostmarken gestiftet, und dieses Museum hat
das Ausschreiben gemacht. Das Preisgericht setzt sich ganz ähnlich zusammen
wie seinerzeit unsres, Iessen und Klinger waren dort und sind wiederum hier.
Den Wortlaut des Ausschreibens können die graphischen Künstler aus Stutt-
gart beziehen.

Wir möchten es zunächst dadurch unterstützen, daß wir einige Sätze zum
Gegenstand aus unserm eignen Preisausschreiben wiedergeben. Was, so hatte
ich dort gefragt, verlangt nun eigentlich die Aufgabe der Briefmarke aus
sich herans, wenn das kleine Gebilde gut sein soll? Die Aufgabe aus sich
herans, damit meinte ich: was verlangt sie abgesehen von der Persönlichkcits-
Leistung des Zeichners?

Lins gibt der Briefmarke einen Ausnahmecharakter wohl vor allen übrigen
Drucken der Welt: sie ist ein Erzeugnis, das bestimmt ist, absichtlich verderbt
zu werdcn. Sie wird gestempelt. Aber mit diesem gewalttätigen Eingriff
wird ihr Lebenslauf doch nicht abgeschlossen. Er zerfällt vielmehr in zwei
Hälften: in ihrer Iugendschöne ist sie seßhaft, dann folgt die grobe Mißhand-
lung, und nun beginnt die Zeit, in der sie, eingeschwärzte Kreuz- und Quer-
wunden im Gesicht, reist, oder wenn man will: anderswohin übersiedelt.
Alles in allem genommen mag sie in der zweiten Verfassung ungefähr ebenso-
viel betrachtet werden, wie in der ersten, vielleicht noch mehr.

Dieses Verhältnis ist, ästhetisch genommen, eine betrübliche Tatsache. Fein-
fühligern widerstrebt es schon, bei einem Teppich auf Rosengewinden herum-
zulaufen, das Hineinschmutzen eines Stempels etwa in ein Landschaftsbild müßte
doch, sollte man denken, noch weniger erfreulich sein. Man braucht auch noch
nicht Respekt vor Geßlers Hut zu verlangen, um sich am Aberschwärzen von
Wappenshmbolen zu stoßen, oder in robuster Behandlung eines Kaiserbildnisses
Majestätsbeleidigung zu sehn, um sich über die vielen Marken mit beschmutz-
ten Menschengesichtern zu wundern. „Geschmackvoll" ist es doch wohl nicht,
Potentatenporträts amtlich zu mißhandeln. Aber das Stempeln müssen wir
als Gegebencs auf dieser unvollkommenen Erde hinnehmen, aus deren Mängeln
sich ja auch wieder Humore ergeben.

Will man ganz rigoros sein, so wird man freilich weder Bildnisse noch
andre Figuren von Mensch und Tier noch Landschaften auf den Marken wün-
schen: nur ein ganz unbelebtes Zeichen läßt sich Eisen anf den Kopf schlagen,
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