Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,4.1918

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Pflege des Völkischen bei den Vielen allznoft nur ein lautes Bekennen »ich
bin deutsch«, auf den Tisch geworfen, wie man Karten hintrumpft. Aklmählich
erst wächst bei den Mehreren das Bewußtsein, Bekenntnis zum Volkstum
bedeute die sittliche Forderung: arbeite mit daran, es zu tüchtigen.
Ie mehr solches Gefühl sich ausbreitet und sich stärkt, desto mehr wird auch
Rosegger und wird durch ihn sein Bauerntum wirken. Und wieviel davon
mit edlen alten Werten durch das Nichtbegreifen einer geld- und zivilisation-
süchtigen Zeit verschüttet sein mag, im Samen ist noch Vieles und Herrliches
da. Fortpflanzung kann auch wieder Mehrung sein. Von dem Vielen kann
manches wiederkommen, manches, was keine »Errungenschaft der Neuzeit« je
ersetzen kann und was doch keiner wirklichen Errungenschaft der Neuzeit feind-
lich ist. Es kann noch vieles wiederwachsen von dem, was wir braucheu, damit
unser Deutschtum seine Neuzeit gestalte, ohne das Gute vom Erbe seiner Alt-
zeit, ohne das Gute von sich selber zu verlieren."

Ich zitiere hier nicht nur deshalb mich selbst, weil mir als eine Künstelei
erscheinen würde, heute nach andern Worten für denselben Inhalt zu suchen,
sondern auch, weil ich mich heute zu meinen früheren Worten ausdrücklich noch--
mals bekennen möchte. Rosegger war der beste Schilderer seines Volkstums,
der je gelebt hat, aber er war zugleich, was alle Ganzen sind, ein Moller,
er war zugleich ein Förderer seines Volkstums und ein Mitbauer an seiner
Zukunft. „Segnet er einst das Zeitliche, so wird dieses biblische Wort für ihn
voller Gehaltes sein, ihm aber hat kein Leserkreis zu danken, sondern ein
Volk." In seinen Werken liegt für uns und Kind und Kindeskind eine Saat. A

Sparsame Bauweise

äre die Sache nicht gar so bitterernst, so könnte ich mich wohl darüber
/ ^freuen, wie bald und wie gründlich meine Prophezeiung sich erfüllt hat.

Als ich vor Iahr und Tag im Kunstwart (2. August-Heft l9l6) auf die
drohende Kleinwohnungsnot hinwies und unter dem Schlagwort „Wohnungs-
diktator" ein rasches und gründliches Eingreifen des Staates forderte, da wurde
dieser Kassandra-Rnf recht nngnädig aufgenommen und von allen «rveiten ward
mir Lie Belehrung zuteil, daß meine düsteren Sorgen eitel Schwarzseherei seien.
Ich habe leider recht behalten. * So recht, daß die kommende Kleinwohnungs-
not als etwa ganz Selbstverständliches zur stehenden Rubrik geworden ist,
daß die „unentwegtesten" Hausbesitzer-Zeitungen kleinlaut geworden sind, und
daß allenthalben nach rettenden Organisationen gerufen wird, die dem Gedanken
der Wohnungs-Diktatur immer näher kommen. Das heranschleichende Gespenst
der Kleinwohnungsnot ist in seiner Furchtbarkeit erkannt, und man sucht es
in letzter Stunde noch zu bannen. Mit kleinen, allzu kleinen oder untauglichen
Mitteln und vielfach unter den Anzeichen einer gewissen nervösen Aufregnng.
Da gibt es Leute, die es für erlaubt halten, „Erdhütten" allen Ernstes als künftige
Wohnbauform zu empfehlen, also gewissermaßen die Lebensweise der krieg-
führenden Anterstandsbewohner für den Frieden unü die Heimat zum Dauer-
zustand zu erheben. Uneigennützige Hausbesitzer begeistern sich dafür, ihre
Keller und Dachräume zu Kleinwohnungen umzubauen. Vom immergrünen
Lisch kommt der geradezu gemeingefährliche Vorschlag der Familien-Einlagerung.
Das neueste Schlagwort aber heißt: „Sparsame Bauweise".

Es erscheint angezeigt, dieses Schlagwort einmal unter die Lupe zu nehmen.

Sparen müssen wir nach dem Kriege auf allen Kulturgebieten, also auch beim

* Wie eben bekannt wird, hat der Kaiser, um ein schnelles, kraftvolles und
erfolgreiches Vorgehen gegen die Gefahr einer Wohnungsnot zu sichern, die
unter verschiedene preußische Ministerien verteilten Befugnisse auf dem Gebiete
des Wohnungswesens nunmehr dem Ministerpräsidenten übertragen und ihm
zur Bearbeitung dieser Angelegenheit als ständigen Vertreter einen Staats-
kommissar für das Wohnungswesen beigegeben. Kw.-L.

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