Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,4.1918

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Wohrmngsbarr nach dern Kriege i

Kriege hat der Wohnungsbau fast ganz gernht, wahrend bei Fortgang
^Tder Friedenswirtschast in den vier Kriegsjahren etwa 800 000 neue Woh-
^Inungen im Werte von mindestens 5 Milliarden Mark entstanden wären.
Nach Abzug des Geburtenrückganges und des Menschenverlustes im Kriege
werden immer noch mindestens 250 000 Wohnungen im Friedenswert von
l,5 Milliarden Mark fehlen, so daß an vielen Orten eine Wohnungsnot ein-
treten muß.

Die heimkehrenden Krieger, insbesondere die Kriegsgetrauten, haben abcr
ein Anrecht auf ein bürgerliches tzeim auf Deutschlands Heimatboden, den sie
mit ihren Leibern geschützt und den die Gefallenen geheiligt haben. Die Iüng--
linge sind Männer geworden, die Mädchen sind in der harten Kriegsarbeit
gereist, sie alle sehnen sich nach dem eigenen Hausstand, der Frucht ihrer
jahrelangen Mühen. Das Reich selbst muß dies wünschen und fördern, denu
nur dadurch kann es seinen schwer erkämpften Bestand für die Zukunft sichern.
Die Familie ist die Arzelle des Staates — Menschen bedeuten Macht, Ver-
mehrung ist Wachstum des Reiches, Volksrückgang ist Antergang. Der große
Friedrich lehrte uns diese Grundweisheit, Frankreichs trauriges Beispiel be-
krästigte sie durch Iahrzehnte, das aufs Neue machtvoll sich reckende Deutsche
Reich wird nicht wollen, daß sie zuschanden wird. Also muß das Reich die
neue Pflicht anerkennen und in Dankbarkeit gegen seine Helden selbst die Woh-
nungsfürsorge für sie überuehmen.

Von allen Seiten erschallt deshalb der Ruf; überall erheben die Einsich-
tigen ihre Stimme, um in letzter Stunde die Geister zu wecken. Aber immer
noch ist nichts Entscheidendes getan. Vor Iahren schon forderten die Voraus--
schauenden die Gründung einer Reichsstelle und verlangten nach einem Woh-
nungsdiktator, weite Kreise des Volkes stärkten den eisernen Willen unserer
tzelden durch das Versprechen der Kriegerheimstätten und weckten damit vou
neuem die uralte Sehnsucht des Deutschen nach der eigenen Scholle. Aber
Spott nnd tzohn waren die mißtönende Antwort, Unverstand, Selbstsucht und
Mangel an Kraftvertrauen lähmten immer wieder die Entschlußkraft. Ietzt
endlich scheint auch in den Kreisen unserer Reichsboten der Wille zur Tat
zu reifen. Der besondere Reichstagsausschuß hat 500 Millionen zur Behebung
der Wohnnngsnot gefordert und damit die ehrliche Absicht kräftiger Hilfe
bezeugt. Nur erhebt sich sofort die Frage, ob diese Summe reichen wird, um
durchgreifend zu helfen. Nnd die Frage stellen, heißt sie verneinen, denn alle
Baupreise sind augenblicklich auf das Doppelte bis Dreifache gestiegen. Aller-
einfachste, schnell vergängliche Baracken kosten heute fast doppelt so viel wie
ein bescheidenes, aber dauerhaftes Wohnhaus der Friedenszeit. Und dazu
kommt, daß überall die Baustoffe fehlen; erst der Friedensschluß wird uns ja
wieder die Herstellung von Rohstoffen im großen erlauben. Dann aber wird
die Nachfrage ins Nngeheuerliche gesteigert. 250 000 Wohuungen erfordern
allein mindestens 5 Milliarden Ziegelsteine, oder die ganze Iahreserzeugung
von 2500 mittleren Ziegeleien zu je 2 Millionen jährlicher Steinlieferung.
Wenn also die Steine innerhalb eines Vierteljahres gebraucht werden, um die
nötigen Wohnungen schnell genug zu bauen, so müssen allein W 000 solche
Ziegeleien angestrengteste Arbeit leisten, um in drei Monaten den Bedarf zu
decken. Daran mag die Größe der Gesamtleistung in allen Baustoffen allein
für den Wohnungsbau ermessen werden.

Die Preise werden infolge der riesenhaften Nachfrage zur Zeit imsres ersten
Wohnungsbaues nicht fallen. Darüber hinaus werden die Löhne auf längere
Zeit noch die heutige Höhe behalten und auch behalten müssen, weil die Kauf-
krast des Geldes so tief gesunken ist. Erst ganz allmählich und schrittweise
können die Preise wieder heruntergehen entsprechend dem langsamen Fort-
schreiten der Friedenswirtschaft. Also kosten die notwendigen 250 000 neuen
Wohnungen mindestens doppelt so viel wie früher und müssen doch mit sinkendeu

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