Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,4.1918

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am einzelnen vorwerfen. Nicht das ist das Ziel, daß wir ein Volk von
Dichtern und Denkern oder gar von Astheten und Hofleuten werden; son°
dern daß jeder einzelne dem Rahmen seines Wirknngskreises mit seinem
ganzen Wesen organisch angepaßt sei nnd ihn mit seiner Seele ausfülle. Die
äußere Form, der Äon des Ümganges, bildet sich von selbst, wenn diese ge°
sunden Grundlagen der Bildung erst einmal da sind. Umgekehrt scheint das
Fehlen dieser äußeren Gesittung darauf hinzuweisen, daß in unseren Aufstieg-
verhältnissen etwas noch nicht in rechter Ordnung ist. Es ist mit nnsrer Stel--
lnng in der Welt schnell aufwärts gegangen: deshalb sind wir — das gilt von
allen Klassen — in unsre Kreise noch nicht ganz hineingewachsen. Wer lange
in Hotels und Pensionen gelebt hat, muß mit Schrecken erfahren haben, wis-
viel Unkultur der Formen nnd des tzerzens selbst bei denen herrscht, die sich
„gebildet" nennen. Es ist, als ob die Ferienstimmung zu jeder Art von An°
gebundenheit ein Recht gäbe, als ob man froh wäre, den äußeren Schein
von Knltur einmal abzuwersen, mit dem man sich zu tzause gnält. Und der
ganze dentsche Hotelbetrieb selbst, mindestens in Norddeutschland, ist ein Vild
sehr großer Ankultur, die mit dem äußgren Glanz durchaus verbunden sein
mag. Solche Erscheinnngen beweisen, daß unsrer „Oberschicht" noch vieles
fehlt, was zum echten Adel gehört; daß nnsre Kultur noch unorganisch ist, d. h.
den Menschen in seinen Tiefen nicht durchdrungen hat. Damit soll kein Lob-
lied auf andre Völker gesnngen sein; denn auch sie stehen unter den Wirkungen
der überhasteten Lntwicklnng, die Industrie und Technik heraufgeführt haben.
Aber man empfindet am andern deutlicher, was man bei sich selbst nicht
sieht; und wenn wir die Formen der Engländer tadeln, vergessen wir zu leicht
die nnsrigen. (Schluß folgt) Eduard Spranger

Zu Noseggers Heimgang

Soll es nuii heute sein oder in noch späteren Tagen, willig mag ich
meinen morschen Wanderstab zur Srde legen, willig meincn Namcn vcr-
hallcn laffen, wic des heimkehrenden Alplers Iuchschrei verhallt im tzerbst-
wind, aber ich, ich selbst möchte mich an dich, du liebe, arme, unsterbliche
Menschhett, klammern und mit dir sein durch der Iahrhunderte Däm-
merung htn und den Weg suchen helfen, dcn Wcg zu jener Gliickseligkeit,
die das menschliche Gemüt zu allen Zeiten geahnt und gehofft hat.
Aus Roseggers »Lebensbeschreibung des Verfaffers, von ihm selbst".

^^k^or drei Iahren trieb mich's nach Krieglach, um wieder einmal mit
zusammenzusitzen, „wie einst im Mai". Ich hatte Äbles von
seinem Ergehn gehört, aber gar zu ängstlich hatt' es mich nicht gemacht,
denn seine Zähigkeit kannt' ich. Ob er zu sprechen sei, wußten seine Leute nicht
gleich, es ginge ihm gar zu übel, aber Loch, er war's, und lange dauerte es
nicht, so war er ganz im Aufnehmen von dem „Deutschländer" da, der jetzt im
Krieg immerhin Neues erzählen konnte, und so im Geben, daß es ein ganz
reiches Empfangen und Genießen für mich ward. Er wollte immer noch über
dieses nnd das sich aussprechen. Plötzlich brach er zusammen. Mit dem Schuld-
bewußtsein, dn bliebst zu lange, verließ ich ihn und zog bis znr Abfahrt ein
Stündchen wehmütig auf den Wegen herum, die er in gesunden Tagen hundert-
mal gegangen sein mochte. Aber als ich zum Bahnhof kam, sah ich recht?
Da stand er selber! Stand er mit seiner Gattin, nm mir doch nochmals Lebe-
wohl zu sagen. Ia, das war Roseggerisch! Das war seine Zähigkeit, sein
Wille über sich selbst und war — seine Güte, die mich nicht mit dem Ein-
druck abreisen lassen wollte, ich hätt' ihm durch meinen Vesuch geschadet. Auf
dem Bahnsteige von Krieglach, immer wieder winkend mit seinem großen Hut,
krank, aber ganz nur vom innern Erleben beherrscht, ganz aufrecht, so ist seine
Gestalt für mich in die Ewigkeit gesunken.

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