Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,4.1918

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nur um so ungestörter empfinden kann. Sie wird für ihn wieder von einer
suggerierenden zu einer darstellenden Ausdruckskunst.

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^?^aß mir die Zensur freie Hand gelassen hat, auch das meist Herabsetzende,
-!^auch das Ananständigste, überhaupt ohne jede Ausnahme alles abzubilden,
was ich abbilden wollte, es bezeugt, daß man den ganzen Ernst der Aufgabe
erkannt hat. Nach den ersten Besprechungen in der Presse und nach dem so--
fortigen Vergreifen der ersten Auflage zu urteilen, wirkt „Das Bild als Ädarr"
„sensationell". Es ist mein erstes Buch, das ich mit der bcwußten Absicht her°
ausgebe, daß es so wirken soll. Es soll im Ausland, zunächst im neutralen,
so wirken, indem es an einem Dritteltausend von unwiderleglich schlagenden
Dokumenten bis zum Grausen zeigt, wie verbrecherischer Wahnsinn die Völker
verhetzt. Es soll im Inland aufregen, wenn man will, aufpeitschen, damit wir
endlich von der Weltlüge nicht nur schwatzen, damit wir sie sehen, leibhaft, wie
Luther auf de? Wartburg den Teufel sah, damit wir sie erleben, erleiden. Denn
erwachen wir nicht endlich zum erustesten Ringen mit dieser Gefahr, so erstickt
sie uns im Schlaf.

Erwachen wir aber endlich — was dann? Durch die Unterschätzung des
Suggerier-Kriegs ist unsäglich viel verloren worden. Nicht nur an geistigen
Gütern, auch — man denke an seine Vorbereitung und Unterstützung des Wirt-
schaftskrieges! — an stofflichen Gütern, und — man denke an sein „Stimmen"
Amerikas! — an Menschenleben. Aber sehr vieles läßt sich auch noch retten
und aus sehr vielem hier können wir für Gegenwart und Zukunft Allerwichtigstes
lernen. Darüber möchte ich in den nächsten Hesten sprechen. U

„Klassisch" und „romantisch"

im heutigen Katholizismus
(Schluß)

Flaskamps Programmformulierung hat in katholischen Kreisen viele Be--
achtung und starken Bcifall gcfunden. Es ist aber natürlich eine Äbertreibung,
um nicht mehr zu sagen, wenn sie in dcr vielgelesenen katholischen Zeitschrift
„Das Heilige Feuer" (V, 5) als eine „Entdeckung" gefeiert wird, als ob Flas-
kamp als erster und einziger „das Wesen von Klassik und Romantik zu -
t i e f st erkaunt" habe. Man wird wohl noch behaupten dürfen, daß auch andre
Leute schon lange mit ähnlichen Gedanken sich tragen — was nicht hiudert, au-
zuerkcnnen, daß Flaskanrp zur rechten Stunde die glücklichen Worte gefunden
hat. Es läßt sich nun denken, daß Muth, der zwar nicht in Flaskamps Schrift
gcnannt wird, den in ihr liegenden wesentlichen Widerspruch gegen seine Auf-
fassung empfand. In einer der Form nach zurückhaltenden, mittelbar aber,
ein wenig von oben hcrab, schroff ablehnenden Besprechung in seiner Zeitschrift
„Hochland" (XIV, 6) sucht er seinen Standpunkt zu wahreu. Er behauptet,
Kunst und Dichten dcr Romantiker seien impressionistisch gewesen, ihr Verhalten
auch zu der ausgebreitetsten Wirklichkeit subjektivistisch. Alle klassische Kunst
dagegcn ruhe auf der Anerkennung eiuer Welt von objektiven Worten. Möge
diese auch zcitweilig im Hinblick auf höhere Ziele zu eng sein, so gcbe ihr selbst
ein beschränkter Bestand objektiver Werte eben jene Ruhe, Klarheit und innere
Geschlossenheit, die wir als klassisch empfinden. Die Romantik als eine revo-
lutionäre Gegenbewegung habe wohl den Erlebniskreis erweitert, aber ihm
nicht eine feste objektive Grundlage zu geben verstanden; sie habe viele An°
regungen ausgestreut, aber im impressionistischen Schweifen ihre Kraft ver-
zehrt und werdc die gleichc Wirkung immer hervorbringen. Obwohl er sich mit
der Absagc an die neueuropäische liberale Bildung einverstanden erklärt, lehnt
er cs dahcx ab, der Erhebung der Nomantik zum katholischen Zukunftsprogramm
Gefolgschaft zu leisten. Auch hier treten die Schwächen des Muthschen Stand-
punktcs deutlich hcrvor: einmal, daß er in der Klassik vorzugsweise das Prinzip
der Formalvollendung erblickt, vor allem aber, daß cr seine Argumente einseitig
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