Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,4.1918

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und der Anivcrsität hindurchgehen könntc, wäre es eine schlechte Sozialpolitik,
alle hervorragenden Köpfe aus dcn anderen Berufsgrnppen zugunsten der
akademischen aufzusaugen. Vielmehr muß der Anfstieg in besonnener Weise
individualisiert und nach der Mannigfaltigkeit der spezifischen Anlagen wie
der Berufsforderungen zweckmäßig gelenkt werden.

Es würde zn weit führen, auf alle Möglichkeiten dieser beruflichen Ver-
zweigung einzugehen. Nur eine wichtigste Folgerung soll noch gezogen werden,
die sich auf die Ausgestaltung unsres Bildungswesens bezieht. Neben der
bestcheudeu Hauptrichtung nach obcn, die ihr Ziel in der Aniversität und den
Hochschulen hat, muß eine zweite eröffnet werden. Gewiß, es ist nötig, or-
ganische Äbergänge zu schaffen, die von der Volksschule in einen geeigncten
Zweig der höheren Schule und von dort auf eine Hochschule führen. Aber
wichtiger ist es, daß das nqch Fehlende begründet wird. Änd es fehlt uns ein
reich ausgestattetes Fachschulwesen, das an die Stufe der Volksschule an-
knüpft. Wir haben bis heut nur isolierte Gruppen von Berufsanstalten, die
engherzig auf das Fachkönnen vorbereiten. Aber eine solche Fachschulung
ist in höherem Sinne noch nicht Bkldung; sie richtet mchr ab, als daß sie
den ganzen Menschen entwickelt. Deshalb müssen die Fachschulen zu größeren
Organismen verbunden und mit tzinem reicheren Maß von allgemein bildenden
Gegeuständen ausgestattet werden, die sich an die besondere Berufsrichtung inner-
lich anpassen. Erst dadurch wird der Mensch frei und geistig Herr seiner Lage,
daß er von ihr aus weitere Kreise unsrer verwickelten Kulturbeziehungen
überschaut. Erst dadurch lernt er sich bewegen, daß mit dem Fachmann auch
der Mensch in ihm zum Wachsen kommt. Gleichviel, ob er sich dem Handel,
der Technik, dem Gewerbe ßuwende: überall muß er das Gefühl haben, an
seiner engen Stelle Kulturarbeit zu leisten. Er muß an dieser Stelle mit
echtem Könncn wurzeln und stark werden; er darf sich aber nicht an diesen
engsten Kreis verlieren; sondern seiue Seele muß sich weiten an Wisseuschaft
und Kunst, an Lebenskunde uud am Staatsgefüge. Damit begiunt ein inneres
geistiges Wcrden, das nicht nur ihn, sondern die ganze Klassc imd ihre nationale
Leistung hebt. Äud so crst wachsen ihm die Flügel, die ihm zur Bilduug seines
besten Wcsens hclfen. Denn ohne Bildung des ganzen Menschen bleibt aller
Aufstieg nur ein äußeres Hasten und Dräugen, das die Gefahr des Ameri-
kanismus in sich trägt. Menschenökonomie ist kein erlösender Gedanke ohne
Menschenadelung. Eduard Spranger

Humanität als Begriff unv Gefühl 4: Gegenwart

^Gk^^anchem mag es sast wie Hohn vorkommen, weuu eiuer heute nach
/ »Humanität fragt. Manchc mögen diesen Begriff als durch den Gang
^^^der Ereignisse zum alten Lisen geworfen, unnütz, ja vielleicht schädlich
und irreführcnd bctrachtcn und grundsätzlich ablehneu. Siud sie sich darüber
klar, daß sie damit eine große, wenn nicht die größte Gabe der deutschen Klassik
verwerfen würden, die wir denselben Männern danken, die wir zu den besten
Schutzgeistern unseres Volkes zu rechnen pflegen?* Andere wieder mögen die
Frage der Humanität als hoffnungslos ansehen, als um so hoffnungsloser, wenn
sie an unsere Feinde denken, die uns aus Lem Kreise der Menschheit ausweisen
möchten, abcr dcr Haß schreit, er übertobt die stillen Stimmen derer, die auch
im Gegeulagcr von Humanität sprechen. Wir hören uur wenig von ihnen, aber
daß sie auch drübcn nicht ganz verstummt sind, das wissen wir doch. Wenn
wir bei unsern Feindcn das Gut der Humanität nicht gehütet finden, so müssen
wir es nur um so willigcr hüten, wofern wir es als eines der höchsten achten.

Die Gegenwart zeigt besonders zwei Richtungen, nach denen der deutsche
Humanitätsgedankc sich entwickelt hat. Beide haben ihren Urspruug im Geistes-
lebcn der Wende vom achtzehnten zum neunzehnten Iahrhundert. Die eine

* Vgl. meine Aufsätze über die Humanität bei Herder, Goethe und W.
V. Humboldt im Kw. XXXI. Ig. 2, 4-s; 7,8; >2, IZ4.

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