Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,4.1918

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terisieren, so die grotzsn Männer ihre Zeit. Aus diesem Grunde lehne
ich schon seit langem den Entwicklnngsgedanken * für die Kunst ab. Wohl
glaube ich an die Entwickelung der Menschheit, die Kunst aber, der Ex-
ponent jeder Zeit, kennt die Entwickelung nicht. Die Kunst geschauter
Ideen steht außerhalb der Kausalität der Natur, zu deren Klarlegung wir
des Gedankens der Entwickelung uns bedienen. Kunst ist zeitlos wie die
Idee. Wir müssen uns endlich daran gewöhnen, Geschichte anders an°
zuschauen als Naturwissenschaft, und die Spitze der Geistesgeschichte bildet
die Geschichte der Kunst.

„Wie Materie und Kraft kein Werden und Vergehen kennt: so ist in
der Geschichte, wissenschaftlich betrachtet, nichts von Blüte und Verfall,
auch Perioden und Begrifse existieren nicht in ihr; was wir Blüte nen°
nen, ist oft der Anfang des Endes, was wir Verfall nennen, der Keim
neuen Lebens, und der Strom des Geschehens und der Kausalität steht nie
stille. Das Wort »Entwickelung« hat so viel gedient, daß man es nun sür
Künste, Staaten und Wissenschaften emeritieren und Disziplinen wie der
Embryologie überlassen darf, wo es zu Hause ist." (C. Iusti, „Winckel-
mann in Italien" II, 2, (8?2, S. 200.) Aobert Lorwegh

„Klassisch" und „romantisch"

im heutigen Katholizismus

^HH'nter der Hand ist das Problem eigentlich zu der Frage geworden: klassisch
oder romantisch? Mit welchem Recht, wollen wir noch sehen. — Im
'^^'Grunde ist das Dilemma allgemein, es wird gerade in letzter Ieit unter
Anlehnung an gewisse Schlagworte wiedcr viel erörtert. Man spricht, besonders
seitdem Worringer seine geistvollen, aber auch einseitigen Untersuchungen „Form--
probleme der Gotik,,** veröffentlicht hat, vom „gotischen" Menschen im Gegensatz
zum „griechischen", eine Gegenüberstellung, die z. B Karl Scheffler in seinem
leider ein wenig aphoristischen Buche „Der Geist der Gotik" temperamentvoll
durchführt, und die vielfach schon zur gedankenlosen Modephrase geworden ist.
Andere reden von dem Gegensatz des „humanistischen" zu dem „transszendentalen"
oder „christlichen" Lebens- und Kunstideal u. dergl. Alle diese Beneunungen
sind Versuche, eine tiefliegende, durch die ganze Geschichte sich ziehende Divergenz
in dcr Grundlage der verschiedenen Menschenthpen zu der Welt- und Lebens-
auffassung auszudrücken. Das Verständnis des gemeinsamen Kernes wird vor
allem dadurch erschwert, daß die verschicdenen, ganz bestimmten und in unsrer
Vorstellung fest umrissenen Periodcn entnommenen Bezeichnungen zu ver-
wirrenden, rcin geschichtlichen Assoziationen nur zu leicht Anlaß bieten. Wenn
z. B. Scheffler gewisserniaßen grundsätzlich zusammenfaßt: „Der griechische Mensch
erschafft die Formen der Ruhe und des Glückes, der gotische Mensch die Formen
der Anruhe und des Lcidens", so will er das nicht auf die konkreten Außerungen
etwa des —2. vor- oder des s5.—s5. nachchristlichen Iahrhunderts beschränken,
sondern er findet „Gotiker" sowohl wie „Griechen" auch in der äghptischen, der
asshrisch-babhlonischen, der indischen, der ostasiatischen, der römischen, der frnh-
christlichen, der bhzantinischen, der barocken und der modernen Kunst. Aud
was von der bildenden Kunst, das gilt entsprechend auch von der Dichtung und
aller geistigen Kultur. Ls ist, um es kurz andeutend zu sagen, die immer wieder-
kehrende Gegensätzlichkeit der ursprünglichen Formwillen, die einerseits auf die
formale „Schönheit" und das Gesetz oder die Harmonie, anderseits auf den
Ausdruck und die charaktervolle Kraft gehen und von ihnen bestimnit werden;

* Vergl. Rob. Corwegh: Donatellos Sängerkanzel. Berlin shOY. S. 52 ff.

** Man vergleiche dazu Atitz, Grnndlegung der allgemeinen Knnsttvissenschaft,
I. 35 ff., 27Y ff., 28(ff.
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