Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,4.1918

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Rchitang, sollte jetzt eliie beträchtliche Lücke ihrer bisherlgeii Bestrebuiigeii
deutlich zum Bewußtsein kommeii: die Veruachlässiguug der Geschichte der
äußereu Politik, der Diplomatie, des Krieges, machtpolitischer Fragen ganz
allgemeiu, ohne deren eindringliches Studium doch auch die Kultur eiues
Zeitalters nicht gründlich zu erfasseu ist. Auch svllteu diese Kultur-
historiker ihre wissenschaftlkche Arbeit nicht mehr durch die weichlicheu Be-
dürfnisse einer sentimentalen Kulturpolitik beeinflussen lassen. Die andere
Rkchtung aber, die mehr politische, besonders an Ranke anknüpfende (sie
ist durchaus die Herrschende), sollte sich ebenfalls nicht mehr für voll-
kommen halten. Auch sie kann durch den Weltkrkeg noch viel lernen und
wird dann insbesondere der öfters etwas äußerlichen Art entsagen, mit
der sie bisher vielfach gerade die internationaleu Zusammenhänge behan-
delt hat. Gerade unter dem Eindrucke des Krieges müßte sie sich kultur-
geschichtlich vertiefen.

Rnd noch ein Wichtiges! Der wissenschaftliche Historiker wird durch deu
Krieg nachhaltig auf seine Pflichten gegenüber der Gegenwart hingewiesen.
Will er sich aber nicht selbst aufgeben, so darf er nakürlich nie-
mals die Pflichten gegen die Wissenschaft vernachlässigen: Sachlichkeit,
Gründlichkeit, unbestechliche Wahrheitsliebe. In dieser Hinsicht muß sich
die „Neuorientierung" der Geschichtswissenschaft von vornherein iu feske
Grenzen baniien. Wie immer werden dabei auch in Zukunft Wissenschaft
uud Leben in Konflikt geraten. Eine neue Pflicht wäre, svlchen Kon-
flikteu nicht aus dem Wege zu gehen, sondern sie mutig durchzutampfen
und eine vaterkändische Lösung zu erstreben. I. Hashagen

Vom tzeute fürs Morgen

Morgenstunde

i^st es nicht ein Zengnis für die
<)Barbarei nnsrer Kultur, daß wir
die Morgenstunde nicht zu schätzen wis-
sen? Wie uns Gegenwartsrnenschen die
Enipfindung dafür geschwunden ist,
daß Schlaf, Traum und Erquickung
ganz anders werden, je nach den Ge-
danken und Eiiipfindungen, mit denen
wir das nächtliche Reich betreten, so
ist den meisten heute auch das Geheim-
nis der Morgenstunde ganz verbor-
gen. Wenn Goethe in hohem Alter
mit Eckermann davon spricht, daß er
nur in dcn ersten Morgenstunden an
seinem Faust schreiben könne, ehe ihn
die Fratzen des Alltags verwirrt haben,
so erzählt er uns von diesem Geheim-
nis. Wenn Nietzsche es als eine Sünde
wider den tiefsten Instinkt des Geistes
empfindct, am frühen Morgen zn lesen,
so weiß seine Seele vom Morgen-
Land. Ehrfurcht vor der ersten Tages-
stunde ist das Kennzeichen derer, dic die
höheren Reiche erschaut haben.

Was früheren Zeiten die Mythen

waren, das sind uns hente nicht selten
die Bilder unsrer großen Künstler ge-
worden: Gleichnisse für das, was die
Seele in der Welt ist und soll. Alle
Wahrheiten des Morgens leuchten nns
entgegen in Moritz von Schwinds
„Morgenstunde". Es kann ja nur ein
jnnges Mädchen sein, das dort den
grünen Vorhang anfgezogen hat und
durch das weit geöffnete Fenster allen
Wundern des Tages entgegenschaut.
Was sie erlebt, dürfen wir nicht sehen.
Aber die unwillkürlich sich breitenden
Arme erzählen uns ebensoviel wie der
sich auf die Fußspitze hebende Fuß —
wem kämen nicht Mörikes Verse in de»
Sinn vom jungen Morgcn, der selbst
wie „ein Engelein leise" „heimlicher-
weise" „mit rosigen Füßen die Erde
betritt" —, der wie in zartester An-
dacht sich leicht neigende Körper er-
zählt uns ebensoviel wie der zu freiem,
klarem Schanen gchobene Kopf. Und
alles im Zinimer spricht mit, die Ker-
zen, die Uhr, das Morgcngeschirr, ja
selbst der Spiegel an der Wand und
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