Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,4.1918

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ohne daß es irgendwem peinlich ist. Solch ein Zeichen ist vor allem die Zahl,
die Ziffer. Zu ihr raten bei der Briefmarke ja noch andre Erwägungen.
Erstens: eine große Iiffer ist als Wertangabe das Sicherste für die Nähe,
kommt Farbenverschiedenheit dazu, so ist in der Beziehung alles Mögliche
getan. Zweitens: da die Zeichnung auf der Briefmarke sehr klein sein muß,
so kann eine irgendwie verwickeltere Zeichnung nur wirken, wenn man die
Marke nahe vors Auge hält, wenn man sie „besieht", während eine Marke
mit großer Ziffer schon wirkt, wenn die Briefe auch nur durch die Hände
laufen. Mit andern Worten: Briefmarken mit großer Ziffer sind sowohl
praktischer, als auch dekorativer. Daß sie sich auch schön gestalten
lassen, beweisen zum Beispiel die alten Marken der Thurn- und Taxisschen
Postverwaltung.

Aber gegen die Alleinherrschaft der reinen Ziffermarke lassen sich auch
Bedenken erheben. Wir gewinnen durch große Iiffern strengen Sachstil der
Marken, aber wir verzichten damit auf allerlei sonst. Wenn sämtliche Brief-
marken sämtlicher Länder Ziffern als Hauptmotive trügen, so würde das
nicht nur Heinahe unvermeidlich zu Verwechslungen führen, sondern auch
höchst langweilig werden. Die meisten „Philatelisten" gäben ihre Sammlungen
auf, und die interessanten kleinen Staaten, die uns jetzt aus Kultur-Empörung
jeden Monat zu zwei Stück den Krieg erklären, könnten keine Geschäfte mehr
mit neuen lockenden Emissionen machen. Zwar, diese Gefahr liegt wohl recht
in der Ferne. Aber: die Möglichkeit, eine Menge von hübschen Bildchen in
die weitesten Kreise des Volkes bringen zu können, ist auch etwas wert. Freun-
liche Vorstellungen können dadurch millionenfach angeregt werden. Drittens:
dies kann auch in künstlerischer Form, es kann so geschehn, daß es zugleich,
wo es auf fruchtbaren Boden fällt, den Geschmack erzieht. Mag dann später
das Stempelungetüm verschandeln: die gute Wirkung ist schon gewesen, und
wen's freut, der findet die alte Schönheit wohl auch noch hinterm aufge-
stempelten Gitterwerk zu besehn.

Ich meine, man sollte die Künstler deshalb so wenig wie irgend möglich
beschränken. Da für den einen wie den andern der beiden Grundthpen Aber-
legungen sprechen, hat keiner auf Alleinherrschaft Anspruch. Man könnte
Gestaltungen beider ruhig mischen, wie das andre Staaten auch tun und wie
wir selber es bis vor kurzem taten. Welcher Grund in der Welt zwingt uns
überhaupt dazu, alle Briefmarken bis zu den hohen Werten hinauf durch
eine einzige Schablone zu zeichnen? Ich schlage an Stelle der Einerleiheit
eine möglichst große Mannigfaltigkeit vor: eine andre Zeich-
nung für jeden Wert. Technisch bedeutet sie nicht die mindeste auch nur
nennenswerte Erschwerung; sind die Vorlagen einmal beschafft, so kann man
der verschiedenen Wertziffern wegen die Platten ja doch nur zum Druck je
einer Sorte verwenden. Was zum Beispiel für Bosnien anstandslos angiug,
wird auch fürs Deutsche Reich möglich sein. Im Gebrauche aber ist die Mannig-
faltigkeit obendrein noch ein großer praktischer Vorteil, weil sie das Ver-
wechseln erschwert.

Ganz besondere Aufmerksamkeit verlangt der Farbton. Lange Zeit war
das Rot und Blau der neuen französischen Marken für Zeichnungen mit ein-
fachem tzintergrund wie diese geradezu vorbildlich. Bei uns sind die bahe -
rischen Marken in der Farbe durchaus befriedigend, die sie, ganz berech-
tigterwcise, aus den französischen Vorbildern entwickelt haben. Aber auch hier
können Künstleraugen ja vielleicht Neues und noch Besseres sehn.

Aber das Format sollte vor einem Ausschreiben entschieden werden,
damit >man spätcr von den Ausführungen verschiedene wählen und bequem
ncbeneinander brauchen kann. Im allgeimeinen dürfte ein größeres Format
dem Künstler willkommen sein, nnd so sollte man prüfen, ob etwa das mit
den österreichischen Iubiläumsmarken eingeführte sich in der Praxis bewährt
hat. Viele werden es handlicher finden. —

Blättern wir, ein Album in der Hand, mit seinen Seiten die Geschichte der
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