Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,4.1918

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wiederkommen muß . . ., daß sie ein
Recht zu dieser Heimkehr hat." Da-
mit hat.er einer Stimmung Ausdruck
gegeben, die in der Gegenwart stärker
geworden ist, alsi sie seit langem war.
Wir sind Wanderer. Wir dürfen uns
nicht allzu heimisch machen auf der
Erde und uns nie ganz fest ansiedeln.
Es gibt Gegenden, die prächtig für
einen Ferienaufenthalt sind, in denen
wir aber gleichwohl nicht dauernd
wohnen möchten. Solch ein Aufent»
halt ist die Erde für die Glücklicheren.
And die Anglücklicheren trösten sich,
daß das Leben nicht ewig währt.
Wir möchten nicht immer im Schützen-
graben oder im Lazarett sein, aber
auch nicht immer anf der Erde.
Haben wir uns in der Iugend mit
einem „Leider!" als Wanderer bekannt,
so tun wir das im Alter vielleicht
mit einem „Gottlob!" Iedenfalls han-
deln wir klug, w.enn wir locker sitzen,
so daß wir jederzeit anfstehen und
weiterwandern können. Es ist schon
meist etwas nicht ganz in Ordnung,
wenn ein Mensch meint, er müsse eine
Phramide auf der Erde banen, die
seinen Namen verewigt. Wenn man
auf der Via Appia zwischen den an-
tiken Grabdenkmälern hingeschritten ist
und wandelte nachher in der Peters-
kirche von einem Papstdenkmal zum
andern, dann bekommt man Mitleid
mit den Menschen, die sich Phramiden
bauen wollen, und verliert die Lust
dazu. Wir wollen uns auch nicht für
unentbehrlich ansehen. In einem baye-
rischen Dorfe starb vor einiger Zeit
der Nachtwächter. Eines seiner letzten
Worte war: „Ich weiß halt nicht, ob
die Gemeinde wieder einen solchen
Nachtwächter kriegt, wie ich gewesen
bin." Das scheint manchem sehr lächer-
lich zn sein, der selber nicht viel anders
denkt, wenn er es auch wohl nicht so
ehrlich sagt.

Wir sind Weltenwanderer. Aber ist
benn eine solche Lebensauffassung nicht
schädlich? Wie soll denn noch eine
ordentliche Arbeit auf der Erde ge»
schehen, wenn jedermann sich unter-
wegs weiß? Merkwürdigerweise ge-
schieht die Arbeit gerade dann am
besten, wenn man sich nicht nnr hier
auf der Erde beheimatet weiß. Tröltsch
kommt in seinem großen Buch über

die Soziallehren der Hristlichen Kir-
chen zu dem Ergebnis:, „Das Ienseits
ist die Kraft des Diesseits." Wir leisten
nur dann nnser Bestes, wenn uns
Kräfte der Ewigkeit zufließen. Es ist
wohl auch niemand treuer, als wer
snb 8P60I6 L6t6rnitnti8 arbertet, und
ganz gewiß ist der am tapfersten, der
nicht nur an den Sieg des Guten
glanbt, sondern ihn im voraus für
entschieden hält. Der Weltenwanderer
hat auch wohl die deutlichste Vorstel-
lung von dem Sinne der Erdenarbeit.
Die Materie muß vergeistigt werden.
Von Millionen Händen werden die
Stofse der Erde abgenommen, um in
Werkzeuge und Sinnbilder des Geistes
verwandelt zu werden. Der so organi-
sierende und symbolisierende Mensch
aber vergeistigt, indem er die Welt
bearbeitet, sich selber und steht nnbe-
wnßt oder bewußt im Dienst von über-
weltlichen Mächten, die ein Reich
bauen, das sich in der Sehnsncht und
Hoffnung der Seele von ferne ver-
kündigt, Christian Seyer

Neuere Nomane von Frauen

ine Eigenschaft vieler Franenbücher:
ans dem unendlichen „Stoff", der
die Welt für den Dichter ist, eine
Gestalt mit inniger Liebe herausge-
hoben nnd bis in die letzten Ver-
zweigungen ihres Wesens hinein be-
horcht, beobachtet, gezeichnet. And was
sich auch um sie herum begebe, was
anch immer die Verfasserin für wert
halte, es den Lesern mitzuteilen: alles
erscheint gesehen mit den Augen der
Hauptgestalt, gemessen mit ihren
Maßen, angelenchtet von ihrem We-
senskern. Diese Technik kann sehr schön
wirken, wenn die Hanptgestalt bedeu-
tend genug ist, wie in Helene Böhlans
„Isebies". Sie wird gefährlich, wenn
die Hauptgestalt von kleinem „Format"
ist. Hierin liegt die Schwäche des neue-
sten Romans von Anna Schieber:
„Lndwig Fugeler" (Verl. Salzer, Heil-
bronn). Der Roman besteht ans dem
Tagebuch eines Proletarierkindes, das,
vom Schicksal äußerlich begünstigt, es
zu sozialem Ansehn und zu mancherlei
Erfolgen bringt, innerlich aber diesem
Geschick nicht gewachsen ist, sondern
zuschlechterletzt einsehen mnß, daß es
nicht Schmied scines Glückes, sondern

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