Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,4.1918

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turpolitische Fsolierung. Hier steigert sich der durch den Krieg ge-
weckte Drang nach Innerlichkeit zn einer Art weltfremder Mhstik. Mit Recht
sagt Wiese: „Ein Nationalgeist, der nicht nach Betätigung in der Welt, nach
Wettbewerb, Kräftemessnng und Wechselbeziehungen zu anderem Volkstum
drängt, ist kränklicher Sektengeist, der unpolitisch sich selbst aufzehrt. Als
Abart ist hierher auch derjenige Nationalismus zu rechnen, der ebenfalls
dauernde Absonderung von dem uns zurzeit feindlichen Europa sordert und
sein Pflicht-Menschheitsideal gewaltsam den übrigen Völkern aufzwingen will.

Stärker aber ist die andere Richtnng, welche den nationalen Pflichtidealismus
mit Kosmopolitismus * verbürdet. Eincr ihrer bedeutendsten Vertreter ist Max
Scheler**, der die Pflege der neudeutschen Ethik nicht um ihrer selbst willen
fordert, sondern in ihr ein „Instrument der Fördernng der universellen
Menschheitsidee" sicht. Für Scheler ist der Krieg das große Mittel, wodurch das
dcutsche Volk das Beste, was es der Erde zu geben vermöge, eben den dent-
schen Menschen der Pflicht und Aufopferungstreue, klar herausstellen könne als
Vorbild, als „Brücke" (im Sinne Nietzsches) zur vollkommenen Menschheit.
So könne nur durch den Sieg Deutschlands eine Neugeburt Luropas als eincr
innerlichen Gemeinschaft erfolgen, wie sie einst nnter der Herrschaft der katho-
lischen Kirche dagewesen sei. Schelers Humanitätsideal trägt insofern wiedcr die
weicheren, der Goetherichtung ähnelnden Züge, als er die Schroffheit Fichtes
und die ihm nnr fürs Preußische, nicht fürs Deutsche charakteristisch erscheinende
Ethik Kants abweist und dafür der allgemeinen Menschenliebe und Gnaden-
lehre der Kirche das Wort redet. Schelers Bnch ist ein Beweis dafür, wie
lebendig in gläubigen uitd klugen Katholiken noch hente der großartige Traum
des Mittelalters vom Gottesstaat ist.

Von dem Humanitätsstreben nnserer klassischen Dichter trennt sich Schcler
grundsätzlich durch seinen idealistischen Standpunkt. Unter denen, welche die
Richtung Goethe—Humboldt in der Gegenwart am meisten gefördert haben,
scheint mir Wiese mit seinem schon genannten Wcrke das Bcdeutendste geleistet
zu haben, und zwar sowohl nach der negativen wie nach der positiven Seite,
Negativ durch Kritik und Stellungnahme gegenüber der Fichte-Hegelschen Richtung.
Es galt ihm, die Leitgcdanken der Humanität, die der Dichter des Tasso und
der Vcrfasser der Briefe über die ästhetische Erziehnng des Menschen entwickelt
und gefestigt hatten, und die ernsthaft bedroht waren, hochzuhalten nnd sie für
die Gcgcnwart fruchtbar zu machen. Wiese hat das positiv getan, indeni er es
wagte, das so verpönte Recht auf Erden- und Menschenglück wieder in Erinne-
rung zu bringen und es von falschen Vorstellungen nnd Vorurteilcn zu befreien.
Ihm sind andere gefolgt, wie Alexander v. Gleichen-Rnßwurm,
der in seiner letzten Schrift*** den freien Menschen der Liebe und Güte predigt,
in dem Sinne, in welchem sein großer Vorfahr Schiller zur Lrziehung des
schönen und gutcn Mcnschen anfgerufen hatte. In formschöner, bilderreicher
und begeistertcr Sprache bringt Gleichen-Rußwurm eine Fülle von Gedanken
über Pflicht, Staat, Menschlichkcit, wahren und falschen Sozialismns, Selbst-
sncht, Güte, Willens-, Gcistesfreiheit und vieles andere, daß eine Lesung des
Buches jeden, der zu ihm greift, bereichern wird. Dem absoluten Pflicht-
idcalismus muß auch er das Urteil sprechen: „Im (I. Iahrhundert wurde dcr
Pflichtbegriff zur Unfreihcit, znm bösen Zwang und auch zur lässigen Bequem-
lichkeit eines entarteten Autoritätsglaubens. Er gedieh schließlich bis dahin,
daß die Menschen lieber sterben wolltcn als denken, untersuchen nnd festsetzen.
Man geriet etwa in die Meinnng, die Pflicht gegen den Staat verlange, wie
einst der Fanatismus innerhalb dcr entarteten Kirche, das suorilioium in-

* Es ist zu beachtcn, daß man hier ebensowenig wie bei unsern Klassikern
den Begriff „Kosmopolitismns" mit „Internationalismus" erwechseln darf.

** Max Scheler, Der Genius des Krieges und dcr Dcutsche Krieg. Lcipzig
(9(5. Vgl. den Aufsatz über ihn im Kunstwart (XXIX, 22).

*** Der frcie Mensch. Otto Reichl Verlag. Berlin (9(8. 5H6 S., geb. 7.50Mk.

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