Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,4.1918

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Gute im Menschengeschlecht und an seine Erziehbarkeit zum Gutcn. Der
kann sich sehr wohl mit klarer, gegenständlicher Auffassung der Wirklichkeit
vertragen und er soll es auch und ganz unbedingt. Der Pessimismns, der
die Menschen für im Grunde schlecht und unverbesserlich hält, führt entweder
dazu, daß man Lcn Dingen ihren Lauf läßt, resigniert und für sich cgoistisch
lebt, oder aber, daß man glanbt, nur unter dem Zaum des Befehls und nnter
dcr Pcitsche des absoluten Pflichtmenschentums lasse sich die Bestie Mensch
halten. Wir wissen, daß dcr Glaube, der die Tat gebiert, Berge versetzt. Nur
der Glaube an die Menschhcit kann dem Willen zur Menschlichkcit wirkliche
Erfüllung seiner selbst auf Erden verschaffen. Ohne ihn ist der beste Wille eitel.

So ergeben sich zur Erreichung oder, besser gesagt, zum Näherkommen an
das Ziel dcr Hnmanität verschiedene, ausschließlich für die Gegenwart gültige
Forderungen. Vor allem die nach einer das rechtc Maß suchenden Synthese
von Mcnschlichkcit und Pflichtidealismus. Im einzelnen besteht sie nach Wiese
besonders in allgemeinen, politisch-sozialen und wirtschaftlichen Postulaten. „Zu
der ersten Gruppe gehört das ehrliche Streben nach Aussöhnnng von Geistig-
keit und Triebhaftigkeit. Daraus ergeben sich für die Pädagogik, die Gesellig-
keit, Kunstpflege, Hhgiene und noch sehr viele andere Gebiete ganz neue, im
Widerspruchc zum traditionellen Fdealismus stehende Aufgaben." „Das zweite
ist die Vcrsöhnung von Opferbereitschaft und starker Individualität; denu sie
sind keine Gcgensätze, sondern quellen aus derselben Urkraft. Das dritte ist
Genußvcrfeinerung und Pflichterfüllung." In der zweiten Gruppe nennt Wicse:
„Kunstpflege ohne Asthetizismus, Demokratie und doch Auslese, Reichtunis-
mehruug ohne Ausbeutung, Erwerbswirtschaft mit freiem Wettbewerbe und
Unternehmcrgewinn und zugleich Sozialpolitik und öffentlich-wirtschaftliche llu-
ternehmungen; serner Weltwirtschaft und Weltpolitik ohne Imperialismus,
Europäertum auf dcr Grundlage des Deutschtums, Wehrhaftigkeit ohne Mili-
tarismus in uichtmilitärischen Angelegenheiten."

Zwei große Strömungen weisen in unserer Heimat zur Humanität. Die
eine hebt sich mit kühnem Flug in dic Bahn der Sterne und will wie Ikarus
uud Euphorion durch übermenschlichen Sprung das Reich der Idee erlangen;
die andcre aber weiß, daß vor dem Abermcnschlichen erst das Meuschliche er-
rungen werden muß, und daß dcr innere Schwung, die Sehnsucht des Men-
schenherzens, gleich alles mit cinem Male zu erreichen, zum Todessprung werden
wird, wenn er uicht den Forderungen des Lrdenlebens Rechnung trägt. Der
Mcnsch trägt in sich Himmel und Erde. Er darf keines vo,n beiden preisgeben,
ohue sein Menschentum zu verliereu. So muß er denn die uneudlich schwerere
Aufgabe vollbringen, die viel, viel langwieriger ist, aber allein zum Ziele
führen kann: Gott und Ticr in sich zu eiuem werden zu lassen, zum —
reinen Menschen. P. T h. Hoffmann

Zwischen üen kämpfen

(Das folgende Gedicht hat einen Fahnenjunker aus dcr Gegcud vou Hamburg
zum Vcrfasser, der mit siebzehn Iahren hinauszog und jctzt, mit 2( Iahren,
nach drei Iahren Gcfangenschaft aus einer Steppengegeud Ostsibirieus heim-
gekehrt ist. Wir geben das Gedicht nicht als küustlerische Leistung, sondern
als ein Zeugnis, wic nach solchem Erleben Menschen aus unserer Iugcnd
dcuken. Dieser Worte braucht es wohl, um es recht aufzunehmen, aber weiterer

anch nicht.)

e^jndlich in der Hcimat wieder,

^»^Sing ich nun mein erstes Lieö,

Und in neucr Nraft der Glieder
Strcif' ich frei durch wald und Ried.

Altc Zeitcn sind entschwunden,

Schaurig, wie ein schwcrer Traum;
chn dcr Sccle zu gesundcn,
lvandl' ich frei an Bach und Baum.

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