Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,4.1918

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Der Mann der Masse aber hat nnr sie. Anr durch sie drückt cr seinc
Wünsche, seine Hoffnungen, seine Befnrchtungen für die Zukunft, seine Bitter--
keit über Gegenwart oder Vergangenheit aus. Ninrin ihm die Stimme, und
er hat nichts mehr, was von ihm aus hineinklingt in die weite, schaffende
Gemeinschaft seines Volkes und was dort gestaltend wirkt.

Der Mann, der Wissen und Können hat, der Mann, der ein öffentliches
Amt führt, der Mann, der im weiten Kreise großer Anternehmungen lebt und
wirkt, die haben tausend Möglichkeiten, ihr Sinnen und Denken Lindrucksvoll zu
Gehör zu bringen für die weite Öffentlichkeit, für die maßgebenden Leiter des
Volkslebens. Wenn aber der Mann der Masse überhaupt nicht auf das hin-
wirken kann, was i h m erwünscht oder nötig erscheint — wie sollen wir dann e i n
VoIk werden? Du hältst es für töricht, daß der Hochgebildete oder der Mann, der
im Wirtschaftsleben sehr viel bedeutet, nicht mehr Stimmrecht haben soll als der
Einfache? Wir meinen: gerade deshalb, weil sein Einfluß ohnehin unvergleichlich
größer ist, muß aus der Masse hervor die Stimme klingen, damit nicht allein
von jenen wenigen die Zukunft geschaffen werde. Denn sonst können sich die
Massen nicht als mitverantwortliche Mitverwalter nnd Mitschaffer an dem
fühlen, was wir „unser Vaterland" nennen.

Du bist ein „gebildeter" Mensch und fürchtest dich vor den Stimmen der
Masse? Du bist ein Mann kirchlicher, staatlicher, wirtschaftlicher Gestaltungsmacht,
aristokratischer Lebenshaltung und überlegener Geistesbildung uvd fürchtest die
Masse? Bist du deun wirklich, was du scheinst, Wenn du zu all deinen jelzigen
Machtmitteln so wenig Zutrauen hast? Bist dn ein Herr und Schöpfer und
Anternehmer im wirtschaftlichen Leben oder nur ein glücklicher Erbe? Wenu du
ersteres bist, wie kannst du glauben, daß irgend welche Stimmabgabe der Masse
Zukunft schaffen kann ohne das, was dn und deinesgleichen bauen? Wenu sie
dich aber brauchen, was hat's denn dann für Not? Wer Las Stärkste schaffen
kann, dem fällt immer wieder die Zukunft zu. Nur, wer bloß Erbe ist und nicht
Erbgutschaffer, der mag die fürchten, die über ihn weggehen könnten.

And wenn du ein Aristokrat bist, nicht nur dem Titcl nach, nein, einer, der
wirklich herrschen kann: glaubst du, daß die Masse, die aus engen Verhält-
nissen aufsteigt, dich so einfach verwischen kann aus dieser Welt, während doch
die Gabe des Leitens und Herrschens so selten ist und so unentbehrlich? Habe
doch das Zutrauen zu dir, daß man dich und deinesgleichen braucht, wcil ihr
mit eurer Begabung nötig seid. Oder bist auch du nur ein Erbe, der
deshalb zu sich kein Zutrauen haben darf? Dann freilichl Es gibt kein arin-
seligeres Schauspiel, als eine Aristokratie, die um ihre äußern Machtmittel
kämpft, weil ihr die innere Kraft abhanden gekommen ist, mit ihrem Können
zu herrschen.

3.

„Wird aber die dumpfe Masse nicht schließlich alle diese Werte einfach da-
durch erdrücken, daß sie eben die Masse ist, einfach durch ihr Schwer-
gewicht erdrücken?"

Nun fragen wir: Stehn sich denn wirklich Masse und Minderheit iu diesen
Kämpfen gegenüber? Oder sind es nicht eigentlich Minderheiten hüben
und drüben, die miteinander kämpfen um die Masse? Ist die Sozialdemo-
kratie die Masse? Oder ist nicht die bewußte Sozialdemokratie selbst eine
Minderheit, die nur gewaltige Massen an sich zu fesseln wußte? Wer sichert
im Kampf zwischen denen um Scheidemann auf der einen, den „Anabhängigen"
auf der andern Seite den Sieg? Die Masse? Nein, sondern die wenigen
wirklich klugen, weitschauenden, vom Willen nach Zukunftsgestaltung getragenen
Anterführer in jeder Stadt, in jedem Dorfe Deutschlands. Sie sehen jene
Ziele und jenen Zukunftswillen und Zukunftsmöglichkeiten, und sie gewinnen
der Masse das Vertrauen ab für diese Führer, deren letztes Ziel die Masse
selbst nicht sieht. — Oder ist das Zentrum Masse? Es ist eine Minderheit
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