Deutscher Wille: des Kunstwarts — 31,4.1918

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stück — bis zum Mittagessen wars ja
noch anderthalb Stunden hin. Da
wurde vom Bahnhof her ein Soldat
auf der Bahre vorbeigetragen. Frisch
aus den Kämpfen, ein ganz Gelähmter.
Die Augen vorgequollen mit einem
Ausdruck, als hätte sich wie im Me-
dusenhaupt alles Entsehen in ihm ver-
steint. Mir schien, furchtbarer kann
kein Menctekel sein.

August Forel

ie viele Glückwünsche Forel zu
seinem Siebzigsten aus Dcutsch-
land erhält, das weih ich nicht, aber
dessen kann er sicher sein, daß viele
Tausende bci uns seiner in Dankbarkeit
gedenken. Nicht, weil er unserm Volk
gcgenüber auch während des Kriegs die
Besonnenheit gewahrt hat, denn das
verstand sich bei einem Kopfe von seiner
Klarheit von selbst.. Sondern, weil viele
Tausendc bei uns einen der allcrstärk-
sten Anreger, Erzieher und Klärer ihrer
Arbeit in ihm sehen. Schon unter den
„Wissenschafternch Allein was Forel
als Menschcn- und Tier-Psychologe,
als Psychiater und als Forscher zur
sexuellen, zur Rassen-, zur Alkohol-
frage geleistet hatte, es würde genügen,
ihn auf jedem dieser Gebiete als Größe
zu zeigen. Nichts aber, auch nicht seine
Entdeckungen in den Ameisenstaaten,
sind für ihu nur Wissen geblieben.
Allcs, was Forel arbeitet, alles, wor-
auf schon sein Unbewußtes drängt,
mündet schließlich im Ethischen und
arbeitet deshalb hin auf die den Völ-
kern helfeirde Tat. Möge dieser „Euro-
päer" noch lange mitwirken können,
wenn es nach dem Weltkriege aufzu-
bauen gilt!

Zur Kino-Reklame

m die auf niedrige Instinkte berech-
nete Reklame mancher Lichtspiel-
häuser zu unterbinden, hat die Polizei
einer mitteldeutschen Großstadt angcord-
net, daß die Zeitungsanzeigcn der Ki-
nos keine anpreiscndcn Bemerkungen,
wie „äußerst pikant", „ungemein span-
nend", „Riesenwcltschlagcr", „urkomisch"
u. ä. künftig mehr enthalten dürsen.
Aber die Kinos wissen sich zu helfen.
Was in Worten zu sagcn verbotcn ist,
gibt man nun in Bildern als Proben
aus dem Film. Und was für Bildern!

„Holzschnitte", dic in ihrer verschmier-
ten Art an die Titelbilder der schlechten
Schundbücher oder die Darstellungen
erinnern, mit denen ehemals die Bän-
kelsänger ihre Moritatenzettel schmück-
ten. Da sieht man z. B., wie der Held
dem Nebenbuhler das Messer in den
Rücken rennt. Odcr: ein elegant geklei-
deter Herr licgt leblos zwischen umge-
stürzten Möbeln. Mit entsetzter Ge-
bärde knien eine Frau und ein Diener
neben ihm. Was vorgefallen ist, sagt
weder Bild noch Äberschrift. Man soll
nur etwas recht Grausiges ahnen. So-
gar der „Aufklärungsfilm" „Es wcrde
Licht!" wird so empfohlen: Ein Kran-
ker (es handelt sich in dem Film um
die Lustseuche) versucht eine ärmlich ge°
kleidete Frauensperson auf seincn Schoß
zu ziehen. Der begehrliche Ausdruck
in Gesicht und Händen des Angreifers,
das Verängstigte der Angegriffenen ist
so unterstrichcn wie möglich. Wozu?
Nnr nm die Szene „pikant" zu machen.
Worte würden nicht so locken wie dieses
Bild. Obendrein nehmcn die Bilder we°
sentlich mehr Raum ein als die wört-
lichen Empfehlungen; trotz der Papier-
knappheit, die allerdings für die Kinos
und ihre Zeitschriften nicht zu bestehen
scheint. Außerdem holen die den Schrift-
leitungen als „Waschzettel" vom Kino
vermittelten, vom naiven Publikum als
„großartige Kritiken" aufgefaßten An-
preisungen im Textteile der Zeitung
reichlich nach, was im Anzeigenteile zu
sagen verboten ist.

Derkehrs-Veredelung zwischen Stadt
und Land

^u den häßlichen Wirkungen des
^Dauerkriegs und der Nahrungs-
knappheit gehört die Erkaltung von
allerlei Gemütsverhältnissen zwischen
Stadt und Land. In Gasthöfen, wo
der Wanderer sonst als lieber Gast
herzlich wieder erkannt wurde, muß
er heute den Kriegsgewinnlern nach-
stehen. Iagd- und Fischgründe, Gar-
ten- und Landhäuser im Gcbirge, Rei-
sen ins Weite vcrschließeu sich dem
Hcger und Genießer von ehedem, wenn
er nicht nebenbei sehr wohlhabend odcr
sehr leichtfertig ist. Das verödet und
dem sollten wir doch, wo es nur an-
geht, cntgegenwirken.

Beispielsweise: wenn wir Iugend
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