Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 12.1894

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für den Begriff Wort, als das Spruchband. Diit goldene»
Wecken ist auch der schwarze Schild der Winter von Bolanden
besät, welche Familie init dem Dichter Neinmar der Vidiller
von Alzei (Fiedler, Violinspieler), Nro. 105 der Manesse-
Handschrift, verwandt war. Wollte man cmblematisch „das
Wort der Wahrheit" ansdrückcn, so lag es am nächsten,
ein goldenes Spruchband zn wählen, wie man cs ans dein
Schilde des Walter von Klingen nnd bei Nassau sicht.
Bevor ich von den persönlichen und Familienverhältnissen
des Mystikers nnd Dichters Walter von Klingen spreche, ist
ein Blick ans seine Zeitgenossen nnd persönlichen Freunde, so-
wie auf die damalige Zeitströmnng, am Platze. Stälin
württemb. Gesch. Bd. 3 S. 754 sagt, der „Ungunst der Zeit
znm Trotze dichtete Bischof Heinrich (von Klingenberg) von
Konstanz (gest. 1306)". Seine Zeitgenossen, die sich unge-
achtet der Ungunst der Zeit in der Poesie versuchten, waren
ziemlich zahlreich: der Schulmeister von Eßlingen (Nro.
96 des Manesse-Codep); der Deutsch-OrdenSbruder Hugo von
Langenstein 1293 (übersetzte und überarbeitete das Leben
der hl. Martina); Graf Albrecht von Hohenberg, gest.
1298, welcher der Schwager Königs Rudolfs war, sowie
dessen Schreiber, der vielleicht wegen seiner Kapuze der Kappa-
docier hieß »nd Pfarrrettor in Thier in gen bei Balingen
war. DaS Wort Kappadocier scheint mir deutsch zn sein und
entstand wohl ans dem Ausdrucke Kappa — dv— zieh er,
d. h. der den Balg (cnppn) eines getöteten Tieres abzieht.
Ferner nennt Stälin a. a. O. 3. S- 755 als Zeitgenossen
des Walter von Klingen den Johann von Wirzbnrg, der
einen „Wilhelm von Oesterreich" dichtete, ferner den Dichter-
frennd Bürger Dieprecht von Eßlingen, nnd den Küchen-
meister des Albrecht von Hohenberg, den Heinzelein von
Konstanz. — Für die vorliegende kritische Untersuchung ist
wohl einer feiner wichtigsten Zeitgenossen der Stiftsherr Jo-
hannes Manesse in Zürich, von welchen: die Idee eines illu-
strierten Sammelwerkes deutscher Dichter ansging.
Die Manesse haben wahrscheinlich de» Namen von Manasses,
dem Sohne Josephs nnd der ägyptischen Aseneth, welche bei
Moses I. 41. 51 genannt werden. Da Manasses von seinem
Großvater gesegnet wurde, so mag die Sitte anfgekommen sein,
den von den Großeltern erzogenen Söhnen den Namen Manasse
oder Manesse beiznlegen. Das Wappen der Manesse zeigt
zwei gleich gekleidete Männer mit Schwertern, einer über den
anderen gebeugt. Man erklärte dies als die Erteilung des
Ritterschlages. Doch ist damit keine genügende Deutung ge-
geben. S. Otto Titan von Hefner, Handb. der theoret. u.
prakt. Heraldik S. 18. 71 nnd Tafel III 19. Hefner giebt
die Abbildung des Siegels des Ritters Rüdiger Manesse
(Uueck§eri Nnnesgen) von 1328 nnd setzt bei: „mit dem
Ritterschlag". Es ist aber hier von keinem Ritterschläge die
Rede, sondern das Bild zeigt den Ausgang eines gerichtlichen
Zweikampfes (Dnelles). Beide Männer sind, wie es Vorschrift
war, gleich gekleidet; dem rechtsstehenden fällt das Schwert
infolge einer Wunde am Arme zu Boden, und er beugt, Gnade
flehend, den Nacken vor seinem Gegner, welcher zum Zeichen,
daß er ihm das Leben schenke, sein Schwert senkrecht in die
Höhe hält.
Der mit Recht gerühmte Dichter Konrad von Würz-
b n r g, der die letzten Jahre seines Lebens in Basel lebte und
auch dort 1287 starb, war nicht nur ein Zeitgenosse, sondern
auch, wie man glauben muß, ein persönlicher Bekannter von
Walter von Klingen. Denn eine gewisse Geistesverwandtschaft
beider läßt sich nicht verkennen.

Festzustelle», in welcher Hinsicbt Rudolf v. Habsbnrg die
mystische Richtung seiner Zeitgenossen nachahmte, ist nicht
uninteressant. Seiner Ehefrau, geb. GertrndiS von Hohen-
berg-Haigerloch, Tochter des Grafen Burkhard von Hohenberg,
gab er, als sie zur Königin gekrönt wurde, den Ehe-, Amts-
oder Firmnamen (?) Anna Augusta, weil sie von nun a» als
Königin zugleich die Mutter der Armen (hl. Anna) sein sollte.
Auch Walter von Klingen nannte seine Ehefrau Sophia, d. h.
die Weisheit. Anna von Habsbnrg war die Schwester des
Dichters Albert, Graf von Hohenberg-Haigerloch 1262—1298,
von welchem unten noch die Rede sein wird. Rudolf von
Habsburg hatte sieben Töchter, von welchen eine, Euphemia,
unter anderem Profeßnamen in das Dominikanerinnenklvster
Adelhanscn bei Freibnrg eintrat, sechs verheirateten sich. Auch
er hatte die Vorstellung, daß der Mensch im irdischen Leben
sich selbst seine Wohnung im Himmel durch ein tugendhaftes
Leben baue. Das Symbol oder sichtbare Emblem seines
Hauses in der Ewigkeit schien ihm, seit er König war, der
Speyrer Dom, der von den deutschen Königen von Konrad II. an
als solches gebaut worden ist. Sein Ritt von Germershcim nach
Speyer 14. Juli 1291, den er, 73 Jahre alt, ansführte, ist
das Ergebnis jener mystischen Auffassung. Böhmer, redest»
imperil 1291 giebt die Worte Rudolfs: „wolauf Hinz Spire,
da mer miner Vorfahren sind, die auch könige waren!"
Ein weiterer Zeitgenosse des Walter von Klingen und
Rudolfs von Habsburg war der Dichter des Liedes, welches
bei dem Krönnngs- und dem Hochzeitsmahle (Krönungsmahl-
zeit, sagt Böhmer) am 24. August 1273 in Aachen in Gegen-
wart König Rudolfs und seiner zwei Schwiegersöhne Ludwig
dem Strengen von Bayern und Herzog Albrecht von Sachsen
(von einem Schweizer?) vorgetragen wurde. Fr. v. Schiller
hat der Ballade „Graf von Habsbnrg" diesen Vorgang als
Stoff zu Grunde gelegt. Daß jener Dichter ein Schweizer
oder Alamanne vom Bodensee war, unterliegt wohl keinem
Zweifel. Wie er aber geheißen habe, ist schwer festzustelle».
Mau denkt zunächst an Walter von Klingen, oder an Hein-
rich von Klingenberg, damals Vizekanzler von Rudolf
und Propst in Aachen, der am 24. Oktober 1273 in Aachen
anwesend war, oder an Hesse v. Reinach, gest. 1280, oder an Abt
Eberhard II. von Wolmatingen von Salem, gestorben
24. Januar 1284, zn dessen Beerdigung König Rudolf von
Freiburg nach Salem ritt, oder an Konrad von Würz-
burg, der sich lange in Basel anfgehalten hatte. — Böhmer
in den redest» imperii gibt gar keine Anhaltspunkte für
die Nichtigkeit der Erzählung, wie Graf R. v. Habsbnrg
dem Priester, der das Sanktissimum trug, sein Pferd schenkte.
Sollte Fr. Schiller ohne jedes historisch beglaubigte Zeugnis
den Stoff zu seinem Gedichte rein erfunden haben?
An eine reine Erfindung des Stoffes durch Schiller ist
ebensowenig zu denken, als an eine solche durch den Dichter,
der in Gegenwart des Königs eine erfundene Anekdote oder
Fabel aus dessen Leben doch nicht öffentlich vortragen konnte!
Es könnten also wohl nur Bischof Heinrich II. von Trient,
der in der Nähe von Breisach geboren war, oder Heinrich von
Klingenberg, oder Konrad von Würzbnrg die Verfasser jenes
Liedes gewesen fein. Eberhard II. von Wolmatingen, Abt in
Salem, war 1273 schon sehr bejahrt und wird wohl kaum in
Aachen gewesen sei». Den Stoff aber könnte er oder Walter
von Klinge» geliefert haben. Am nächsten liegt eS freilich, an
den Dichter Propst Hess0 von Reinach zu denken, der
ans dem Aargau gebürtig, dort auch pastorierte und den Vor-
gang selbst gesehen haben kann. (Fortsetzung folgt.)

Stuttgart, Buchdruckerei der Akticugescllschast „Deutsches Volksblatt".
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