Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 12.1894

Page: 31
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Mit der Errichtung der Stadtpfarrei Göppingen tan,
Dürnau dorthin.
Heute ist von der einstigen „Neligionsanstalt" noch übrig:
in Dürnau ein mehr als schlichter Seitenaltar, in einem wurm-
stichigen Kosten ein altes Meßbuch samt Kissen, 2 (nvch in
Eislingen befindliche) Kelche, 1 Monstranz und 1 Krenzpar-
tikel. Alles andere ist verschwunden. In der stillen Kirche
zu Dürnan sitzen an einem Frühlingsmorgen zwei Weiber
und beten für die Seelenruhe eines alten Generals, während
ein katholischer Priester eine Jahresmesse liest, dann räumt
man ab. Am Nathaustisch streichen jene zwei freundlich
lächelnd ihre 5 Mark ein. „Vergelts Gott" ! Graf Hannibal.
Das ist dir geblieben. _

Aritik der Wappen der Minnesinger aus
Schinaben.
Ein Beitrag zur Geschichte der christlichen Mystik in Schwaben und
Alaniannien.
Von F. Mo ne.
X.
Wenn vom populären Pantheismus im 14. Jahrhundert
gesprochen wurde, welcher ans der großartigen Auffassung der
sichtbaren Welt des hl. Franziskus oder aus der Philosophie
der Dominikaner sich entwickelt haben mag (der Predigermönch
Eckhart), so darf die Wirkung der Einführung des Fronleich-
namsfestes, das von der deutschen Nation ansging, als öffent-
liche feierliche Erklärung der permanenten Gegenwart Gottes
und zwar eines persönlichen Gottes und als ein Gegengewicht
gegen die pantheistische Strömung nicht unterschätzt werden.
Die ganz außergewöhnliche Wirkung, welche das Fronleich-
namsfest ans die Kultur, auf Kunst und Litteratnr und das
geistige Leben der Deutschen ansübte, ist bisher, wie mir
scheint, viel zu wenig gewürdigt worden. Deshalb ist eö wohl
gestattet, hier davon zu reden.
An der Maas, wo die Heimat der Pippine und der
beiden van Eyk ist, und nicht ferne von Camp, wo Thomas
Hamerken, genannt a Kempis, 1380 das Licht der Welt er-
blickte, ist jenes bedeutungsvolle Fest anfgekonnnen. Der Ge-
danke, daß Gott selbst mitten unter den Menschen wohnt und
im hl. Altarssakramente' jedermann Tag und Nacht zugäng-
lich ist, war schon längst ein Glaubenssatz und allgemein ver-
breitetes Dogma. Aber er wurde durch jenes Fest bei den
Deutschen nicht nur aufgefrischt, sondern durchdrang bald alle
Volksschichten als ein lebendiger, werkthätiger Glaube. Eine
der am leichtesten wahrnehmbaren Wirkungen war, daß das
Individuum von nun an als Zweck seines Lebens eö betrach-
tete, Christum selbst wie ein Gewand anznziehen und so ans
der Gnade neu geboren zu werden. Das Gottes- und das
Selbstbewußtsein wurde im 13. und 14. Jahrhundert wesent-
lich verändert. Früher kannte man als Ideal lediglich den
Kampf mit Schild und Schwert gegen den Teufel, der in
zahllosen Gestalten dem Menschen in den Weg trat, wenn er
sein Heil sucht, jetzt suchte man, in Demut jede Art von
Leiden, Mühsalen, Kreuz, Armut auf sich zu nehmen, um
Christus ähnlich zu werden. Diese Auffassung des Lebens
brachte eine große Umgestaltung in der Anschauungsweise der
Menschen hervor. Indem jener Gedanke das deutsche Volk
in der Litteratnr und Kunst bis auf Luther und Calvin be-
herrschte, stand bis zum Siege des pantheistischen Humanismus
die europäische Kultur unter der Herrschaft der christlichen
Mystik. Die Litteratnr, die Poesie, die bildenden Künste
(die gotische Knnstpcriode) und die Musik, kurz gesagt, alles
geistige Leben, bewegte sich nur in dieser Geistesrichtnng.

Ans letzterer entsprang die alamannische, schwäbische und
rheinische Mystik und die hohe Blüte der Gotik. Auch das
Emblem und Symbol in der Heraldik trug den Charakter
jener Geistesrichtung.
Der Grundsatz, ans welchem die Mystik bei den Schwa-
ben, Alamannen und Rheinländern beruhte, läßt sich in den
Worten zusammenfassen: direkte und unmittelbare Beziehung
des Individuums zu Gott. Daß jener Glaube und jene
Vorstellung durch die Einführung des Fronleichnamsfestes
(1246—1266) wesentlich gefördert wurde, unterliegt keinem
Zweifel. Das Bewußtsein, daß der persönliche Gott unter
den Menschen im hl. Altarssakramente lebt, wohnt und re-
giert, hat die Mystik in Schwaben, wenn nicht wachgerufen,
doch wesentlich gefördert.
Als mit der Glaubensspaltung im 16. Jahrhundert jenes
Bewußtsein und der Glaube, daß der persönliche Gott wirklich
und immer unter den Menschen weile, getrübt und erschüttert
wurde, hörte die Mystik auf und die Religion selbst sank zu
einer äußerlichen konventionellen Form der Gesellschaft und
des Staates herab. Sie wurde unproduktiv für das gei-
stige Leben der Nation, für Poesie, Musik, für die bildenden
Künste und für die Werke der Barmherzigkeit. Christus be-
zeichnte jenen geistigen Zustand mit dem Worte: „taubes
Salz". Das wurde in den bildenden Künsten und in den
Wappenfignren bald fühlbar. Fr. Schiller hat in dem Ge-
dichte: „Die Teilung der Erde" ans die Wirkung des Glau-
bens an die Allgegenwart Gottes ans die Poesie znrückgegriffen.
Seine hierher bezüglichen Worte sind:
„ich war, sprach der Poet, bei Dir". —
und in den Versen:
„Willst Du in meinem Himmel mit mir leben,
So oft du kommst, er soll Dir offen sein".
Das Individuum fühlte noch im 14. und 15. Jahr-
hundert seinen Wert vor dem gegenwärtigen Gotte und den
Wert seiner unsterblichen Seele. Denn der einzelne Mensch
wurde durch die direkte Beziehung z»m sakramentalen Gotte
gleichsam geadelt. Es lag also nahe, daß er sich ein Wappen
selbst machte, wenn er kein ererbtes besaß, oder daß er das
ererbte zu erklären oder zu ergänzen suchte, je nach der my-
stischen Auffassung seines Lebens, der Welt oder der Gottheit.
Wenn Rudolf von Habsburg sich weigert, ein Pferd zu be-
steigen, ans welchem ein Priester mit dem Sanktissimnm saß,
so ist das auch ein Beweis, daß jener von der Gegenwart
Gottes im Altarssakramente fest überzeugt und von diesem
Glauben durchdrungen war.
Den einzelnen Menschen, insbesondere den getauften,
welcher als ein Mitglied der Kirche d. h. des mystischen Leibes
Christi betrachtet wurde, hat man seit dem 13. Jahrhundert
in höherer Weise aufgefaßt und geschätzt, als ehedem. Der
Staat, die Gesellschaft, die Poesie und die bildenden Künste
waren moralisch gezwungen, in jedem Individuum daö Eben-
bild Gottes und den Erben des Himmelreiches zu erblicken.
Man sah in jedem Menschen den Bruder und den vertranten
Freund Gottes. Daö waren die Jahrhunderte (14. und 15. Jahr-
hundert), in welchen die zahlreichen Spitäler, Armen-, Sondcr-
siechen-, Leprosen- und Krankenhäuser, Schulen, Lehranstalten,
Bibliotheken und die großen Kirchenbauten und Kompositionen
der Maler cnstanden sind. Mit der Befolgung der Vorschrift:
Orristo in pnuperibus (soll das Almosen gegeben werden) hat
man im 13. bis 15. Jahrhundert die sozialen Mißstände in
Deutschland mit Erfolg zu beseitigen gesucht. Damals spielte
der „Gottesfrennd im Oberlande" daö Ideal eines Christen
in Schwaben und am Oberrhein, eine große Nolle. Indem
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