Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 6.1861

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großartig; inmitten ungeheurer Gebirgsstöcke fühlt der
Mensch, der sich stolz den Herrn der Schöpfung zu nennen
liebt, seine ganze Unbedeutendheit. Die Bergknappen,
welche vor ihrer Einfahrt in den Schacht des Sulzbach-
Gletschers beten, sprechen als Staffage diesen Gedanken
treffend aus. Noch ist die Sonne nicht so nahe dem Auf-
gange, daß die Spitze des Venedigers von ihr beleuchtet
wäre, der Tag kämpft noch mit der Nacht, und unendliches
Schweigen liegt über der Natur. So weit der Gedanke.
Die Ausführung dagegen scheint mir weit hinter ihm zu-
rückzubleiben; die Sprache hält nicht gleichen Schritt mit
dem Gedanken. So möchte ich z. B. nur Eines betonen;
ich habe die Gebirgsnatur hundertmal in gleicher Stim-
mung beobachtet, aber immer erschienen mir die Umrisse
schärfer und bestimmter, die Massen plastischer als auf
Zimniermann's Bilde. — Krause's „Partie aus der
römischen Campagna" und „An der Isar" haben vielleicht
ein weniger großes Publikum als manches andere der
modernen Richtung huldigende Bild, ich dagegen und Viele
mit mir erfreuten uns der Tiefe der Empfindung und
der inneren Wahrheit von ganzem Herzen. — Steffan
brachte eine sehr schön gezeichnete „Landschaft aus der
Schweiz," welche sich durch Kraft und Glanz des Ko-
lorits auszeichnete. — Metzener's „Walchensee" gab einen
reizenden Winkel unserer Alpenwelt mit feinem Gefühle
wieder, doch wünschte ich seine Schatten weniger kalt. —
Gleim's „Herbstlandschaft vom Bodensee" erscheint als
ein freundlicher Zimmerschmuck, während Lichtenheld's
reizende „Mondnacht" ihres Umfanges wegen einen großen
Salon erheischt. — Lange zeigte nns „Schloß Baldenstein
im Abulathale bei Tusis" im Schimmer poetischer Stim-
mung auf Felsen stolz emporragend. Sein früherer Schüler
Millner erweist sich in bedenklichem Grade fruchtbar.
Vier Bilder in fünf Wochen (und darunter ein paar ziem-
lich große): das scheint fast zu viel, doch sehe jeder wie
er's treibe. In seiner „Partie bei Partenkirchen" erging
er sich in ziemlich unvermittelten Gegensätzen.

Die Plastik war durch eine „Madonna" von I. Haut-
mann, die Kunst des Stichels durch sehr tüchtige Blätter
von Schultheiß: „der Maitag" nach Böttcher, „der Brief-
schreiber" nach Netscher und durch die„Porträts von Uhland"
und „Rückert" trefflich vertreten.

□ Düsseldorf, 11. August 1861. (Ausstellung
des Rh einisch-Westphäli scheu Kunstvereins. II.)
Der Katalog der Ausstellung enthält 193 Nummern, dar-
unter 11 Historienbilder, 57 Genrebilder, 80 Landschaften,
1 Aquarell, 11 Kupferstiche u. Lithographien und 33 Num-
mern, welche sich in Schlachtenbilder, Portraits, Thierstücke,
Architektnr und Stillleben vertheilen. —

„Die Auferstehung Christi" von Professor Mücke und
ein erst später eingetroffenes, im Katalog nicht verzeichnetes
großes Gemälde von Hermann Becker: „Hylas von
den Nymphen geraubt", gehören zu der Gattung Bilder,
welche man gewöhnlich akademische nennt. Sie sind in
strengen Umrissen sorgfältig gezeichnet. Die Meister be-
urkunden darin, daß sie Anatomie, Antike und Modell
gründlich studirt haben; Anordnung der Gruppen, Licht-
und Schattenvertheilung, Draperien, Alles ist nach den
Regeln des Bildbaues, die Malerei sorgfältig, delikat,
vielleicht zu glatt, nigends sieht man eine positive Un-
richtigkeit oder eine Vernachlässigung. Aber bei all' diesen
Vorzügen lassen die Bilder kalt, der Beschauer erfreut sich
an richtig gezeichneten Gestalten, an schönen Farbentönen rc.,
aber sein Gcmüth wird nicht ergriffen, weil es der Dar-
stellung an innerem Leben gebricht. Bei Betrachtung des
Mücke'schen „Christus" streift der Beschauer nicht den
Alltagsmenschen ab, noch weniger geräth er in jene er-
höhete Stimmung, die etwa ein Cherubinisches Requiem
oder eine Wanderung durch die Säulengänge gothischer
Dome hervorbringt. In dem Becker'schen Bilde fehlt be-
sonders das Helldunkel, die poetische Farbe, um den beab-

sichtigten Eindruck hervorzubringen. Eine „Madonna mit
dem Christuskinde" von Ittenbach, eine „Madonna"
von. Maaßen und zwei Bilder von Roland Nisse:
„Tabea kleidet die Armen," und „Tabea wird von Petrus
auferweckt," gehören noch hierher und sind sämmtlich ge-
diegene Arbeiten; Schade nur, daß der zu kleine Maaßstab
den Eindruck allzusehr beeinträchtigt. —

Mit besonderer Freude erwähne ich den schon viel be-
sprochenen Entwurf zu einem Friese in der Aula der hie-
sigen Realschule von Adolph Schmitz, eine mit dem
zweiten Preise gekrönte Konkurrenzskizze. Die vielgeglie-
derte, phantasiereiche, lebensfrische Komposition und die
kernigen, charakteristischen Gestalten müssen Jeden erfreuen,
der sich die Mühe nimmt, dieses schöne Werk aufmerksam
zu betrachten. — Unter den Schlachtenbildern sind beson-
ders vier Namen zu nennen: Arbo, Hünten, Fickent-
scher und Northen, welche untereinander gänzlich ver-
schieden sind. Arbo ist glücklich in Farbe und Wirkung,
Hünten besitzt gründliches Studium und korrekte Zeichnung,
Fickentscher eine fast an's Wilde grenzende Lebendigkeit,
aber auch eine gewisse Leichtfertigkeit in der Zeichnung.
Jedoch verzeiht man ihm seine Zeichnenfehler in Anbe-
tracht der Kühnheit der Komposition. Northen denkt
besonders seine Einzelmotive sehr durch und charakterisirt
die Köpfe geistreich, aber seine Farbe ist monoton, die
Technik schwerfällig und Manches im Detail vernach-
lässigt. - '

Bei Betrachtung der Genrebilder begegnen wir einigen
gefeierten Namen. Jordan und Campt, ausen sind beide
vertreten, aber leider nur mit kleineren Arbeiten, -bie noch
dazu nicht zu den glücklichsten gehören. Beide hätten es
verdient, in einer ihres Renommee's würdigeren Weise
repräsentirt zu sein, aber leider scheinen anch hier die in
meinem letzten Artikel berührten Uebelstände einzuwirken.
Nicht allein als Maler, sondern auch als Lehrer hat
Jordan große Verdienste; aus der Ausstellung hat sich eine
ziemliche Anzahl seiner Schüler mit Arbeiten eingefnnden,
in welchen allen der Einfluß des Meisters hinsichtlich stren-
ger Beobachtung der Natur, Durchbildung in Modcllation
und Lokalfarbe und fleißiger Vollendung zu bemerken ist;
bei Einzelnen findet man wohl auch Jordans Schwäche,
nämlich im Kolorit. Jordan hat eine etwas trockne, fast
schwere Farbe, was vielleicht durch das allzu häufige
liebermalen kommen mag, wodurch die Farben ihre an-
fängliche Frische und Durchsichtigkeit verlieren. —

Die besten der ausgestellten Genrebilder sind von H ah n,
Henley, Rethcl, Nitz, Zeppenfeld, Bertling, Ge-
selschap, W. Sohn, Stammel. So verschieden sie
auch von einander in Gegenstand, Behandlung und Vol-
lendung sein mögen, so ist doch bei allen ein geistiger
Gehalt im Bilde. Der Beschauer begreift gleich, was
der Maler darstellen wollte, und interessirt sich für das
Bild, wenn auch das Wie der Darstellung mitunter
Schwächen hat. Aber es ist bei der täglich mehr über-
hand nehmenden Verflachung stets anerkennenswertst, wenn
sich der Künstler mehr für die Physiognomie seiner Men-
schen als für die einer staubigen Wand oder eines alten
Spinnrades interessirt. Bei vielen Bildern ist diese Art
von Beiwerk oft mit solcher Prätension und auch Wahr-
heit gemalt, dcch die Figuren dazwischen langweilig werden.
Von Frau Wiegmann ist ein Bild da, „die Betende."
Das Renommee dieser Künstlerin steht fest und ist wohl
verdient. Sie verbindet mit' einem merkwürdigen Farben-
sinn die markige lebendige Technik einer Männerhand.
Auch das in Rede stehende Bild hat ungemein viel Schö-
nes in der Farbe, aber die Gestalt ist nicht die einer
Betenden, denn der Kopf hat einen an's Sinnliche strei-
fenden Ausdruck, der sich mit dem Betpulte nicht recht in
Verbindung bringen läßt. Sollte es einfach ein lesendes
Mädchen darstellen, dann würde an dem Bilde nichts
auszusetzen sein.

Das Portraitfach ist ziemlich schwach vertreten. Von
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