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Ness, Wolfgang
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 10, Teil 2): Stadt Hannover — Braunschweig, 1985

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https://doi.org/10.11588/diglit.44415#0132

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Straße ab, so gewinnt man vom westlichen
Abschnitt den Eindruck großer Einheitlichkeit,
während man am Ostabschnitt den Kontrast
zwischen repräsentativer Miethausarchitektur
für gehobene Ansprüche und sparsamer Bau-
weise für kleinbürgerliche und Arbeiterkreise
erfährt; insofern wickelt sich in der Wittekind-
straße - ergänzt durch die Gebäude an der
Beethovenstraße und am Lichtenbergplatz -
das gesamte Spektrum des für Linden rele-
vanten Wohnungsbaus des ausgehenden 19.
und beginnenden 20. Jh. ab.
Konzentriert man sich zunächst auf die älteren
Bauten, so lassen sich grundsätzliche Ähn-
lichkeiten feststellen: Die Gebäude sind meist
viergeschossig mit ausgebautem Kniestock
und Dachausbauten (Zwerchhäuser, Dach-
häuschen), so daß sich die Traufhöhe hält, die
Silhouette jedoch eine gewisse Variation
zeigt. Die Gebäudeecken an den Kreuzungen
sind jeweils durch Giebel oder durch ein weite-
res Geschoß erhöht: ein zusätzliches Moment
der Gliederung des gesamten Straßenzugs.
Hinzu kommt, daß die beiden Straßenknicks
jeweils an Kreuzungen liegen (Dieckbornstra-
ße, Nieschlagstraße), so daß die Eckbauten

als „Blickpunkt“ besondere Bedeutung für
den Straßenverlauf besitzen. Es dominieren
sechsachsige, symmetrische rhythmisierte
rote oder ockerfarbene Verblendziegelfassa-
den, die meist eine mit Bänderputz ausgestat-
tete unsymmetrische Sockelzone besitzen
(vgl. Dieckbornstraße 41, 42); die Erschlie-
ßung wechselt, teilweise finden sich Durch-
fahrten. Die Fassaden sind flach. Das
Schmuckrepertoir umfaßt farbig abgesetzte
Ziersetzungen, Formsteine, Putzgliederun-
gen als Gesims, Fenstereinfassungen und
-bekrönung usw. Neben dem zurückhaltend
vorgetragenen Formengut der Hannover-
schen Bauschule taucht bescheidener renais-
sancistischer Dekor auf: Auch im kleinbürger-
lichen Lindener Wohnungsbau suchte man
durch die Übernahme „moderner“ Details den
Anschluß an die Architektur der Hauptstadt
Hannover herzustellen, ohne jedoch den
Grundriß - Zweispännigkeit, Dreizimmer-
wohnungen mit relativ großer Küche, zwei
Zimmer zur Straße, davon eines mit zwei (Stu-
be) eines mit nur einem Fenster - zu ändern.
Zur profitableren Grundstücksausnutzung er-
richtete man z.T. Hinterhäuser mit Wohnun-
gen (vgl. Nr. 29,31-39).

Die späteren Bauten in der Wittekindstraße
schließen an die repräsentative Bebauung an
der Beethovenstraße (Wittekindstraße 17,19,
21) und am Lichtenbergplatz (Nr. 2-8) an und
weichen in ihrer Lage zur Straße, in der
Grundriß- und Fassadengestaltung von den
umgebenden Bauten ab.
Die Eckgebäude Nr. 15 u. 17 (datiert 1901) lei-
ten durch einige Elemente (Erker, Balkon,
ausluchtartiger Vorbau) zur Architektur in der
Beethovenstraße über, zeigen gleichzeitig im
Verblendziegel das vorherrschende Fassa-
denmaterial der Wittekindstraße, das jedoch
bei Nr. 17 ornamental mit Putzflächen und
Zierfachwerk kombiniert ist.
Die hier anschließenden Häuser Nr. 19 und 21
von etwa 1904 haben reich mit Jugendstilde-
kor versehene Putzfassaden. Es sind Zwei-
spänner mit rückwärtigen Flügeln und in die
Vorgärten vortretenden ausluchtartigen Vor-
bauten, in welche die Eingänge führen. Auf-
grund dieser Erweiterungen konnten bei etwa
gleicher Parzellenbreite größere Wohnungen
entstehen, die entsprechend den Interessen
der anspruchsvolleren Zielgruppe Komfort
(z.B. Innentoilette, Bäder) boten.
In freier Symmetrie sind die fünf etwa 1903 ge-
bauten Reihenhäuser Nr. 2-8 organisiert;
trotz der schmaleren Parzellen enthalten sie
durch Einspännigkeit, Vorbauten und Rückflü-
gel große Wohnungen, diese ebenfalls mit hö-
herem Standard. Vorbauten und Zwerchgie-
bel gliedern die Baukörper. Eingeschobene
Balkone und Terrassen öffnen die Front zum
Vorgartenbereich und zum Straßenraum. Seit-
liche Flügel mit Loggien schaffen den An-
schluß an die vorherrschende Bauflucht der
Wittekindstraße, grenzen den Grünbereich
ein und verleihen der ansonsten heute spar-
sam dekorierten Reihe dank ihrer mit renais-
sancistischen Bogenstellungen ausgezeich-
neten Fassaden den repräsentativen Akzent.
Die derart gestaltete Häuserreihe mit dem um
den Grünbereich erweiterten und dadurch
„verschränkten“ Straßenraum prägt entschei-
dend die Einmündung der Wittekindstraße in
den Lichtenbergplatz.
BEETHOVENSTRASSE
Kurz vor 1900 legte man zwischen Daven-
stedter- und Wittekindstraße die Beethoven-
straße an, die als reine Wohnstraße ein An-
gebot an anspruchsvolle Bewohnerschichten
bilden sollte. Entsprechend erhielt sie eine für
Nebenstraßen erstaunliche Breite und Baum-
bepflanzung; Vorgärten waren vorgeschrie-
ben. Die Bebauung (Nr. 2, 4, 5, 7, 8, 10, 12)
entstand zwischen 1899 (Nr. 4) und 1904 (Nr.
7). Es handelt sich bis auf Nr. 5 um dreige-
schossige, überwiegend einspännige trauf-
ständige Mietwohnhäuser mit hohem Knie-
stock und zahlreichen Dachaufbauten
(Zwerchhäuser, Schleppgauben, Dachhäus-
chen, Zwiebelhauben über Erkern), die sich
zu einer „interessanten“ Dachlandschaft zu-
sammenschließen. Ähnlich variationsreich
und im ganzen homogen bieten sich die durch
Erker, Vorbauten, Balkone usw. lebhaft be-
wegten Fassaden dar, die zudem ein breites
Spektrum an Fensterformen, Sandstein- und
Putzdekor und Zierfachwerk vorführen. Die
stilistischen Anregungen zog der Architekt
aus der Baukunst der deutschen Renaissance

Wittekindstraße, ab Nr. 24 nach Westen


Wittekindstraße, ab Nr. 2 nach Westen


Beethovenstraße 6, 4, 2, Wohnhäuser, um 1900


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