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Ness, Wolfgang
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 10, Teil 2): Stadt Hannover — Braunschweig, 1985

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https://doi.org/10.11588/diglit.44415#0146

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PFARRLANDPLATZ
Die ursprüngliche Planung sah die Fortset-
zung des Straßenrasters nördlich der Elisen-
straße vor. Doch nach 1900 setzten sich auch
im Stadtbauamt Linden Bestrebungen durch,
zur Verbesserung des Stadtklimas und zur
Hebung des Ansehens der Stadt einzelne be-
grünte, verkehrsabgelegene Plätze zu schaf-
fen. Außer dem Bethlehemplatz (s.o.) ent-
stand in Linden-Nord östlich der Pfarrlandstra-
ße - von der Elisenstraße durch ein Fabrik-
grundstück (inzwischen Wohnbebauung) ge-
trennt - durch die Verlegung der Fluchtlinien
zwischen Otten- und Hennigesstraße der
Pfarrlandplatz als längsrechteckige Freifläche
mit Rasen und Baumbestand und umlaufen-
der Fahrbahn, die auf der Nord- und Südseite
durch 4 bzw. 6 Wohnhäuser begrenzt wird.
Vor der gesamten Häuserfront liegt jeweils ein
Vorgartenstreifen; die alten Einfriedigungen
(verputzte Pfosten und Holzstaket) sind weit-
gehend erhalten. Es handelt sich um Miet-
wohnhäuser, einige mit Läden. Ein- bzw.
Durchfahrten auf der Südseite deuten auf Ge-
werbe im Hofbereich.

Die zwei- und dreispännigen Gebäude umfas-
sen vier Geschosse und Mansarden. In be-
sonderer Weise betont ist durch ihre Mächtig-
keit, diverse Ausbauten, Zwerchhäuser, Gie-
bel und das häufig verwandte Fachwerk -
Elemente der Landhausarchitektur - die
Dachzone. Vier- oder fünfgeschossige aus-
luchtartige Vorbauten und Erker, Balkone und
Loggien geben den aufgehenden Putzfassa-
den die zur Dachlandschaft passende raum-
haltig bewegte Gliederung. Der Dekor be-
schränkt sich auf Friese, Zierfelder in der Brü-
stungszone, kartuschenartige Applikationen
und halbsäulenartige Stützen. Die Baukörper
fügen sich durch die meist spiegelbildliche
Wiederholung der Elemente zu weitgehend
symmetrischen Platzfronten zusammen. Die-
se bis heute erhaltene Einheitlichkeit der Be-
bauung nimmt nicht wunder, wenn man die
Entstehungsgeschichte kennt: Da sich das
Gelände in städtischem Besitz befand, konnte
der Magistrat unmittelbar Einfluß auf die Ge-
staltung der Architektur ausüben. Er beauf-
tragte den Architekten H. Schmidt mit dem
Entwurf der Häuser und verkaufte die Parzel-
len jeweils mit dem dazugehörigen Bauplan
unter der Auflage, sich strikt an den Entwurf zu

halten. Die Bebauung erfolgte 1910-1912.
Bis auf wenige, vor allem kriegsbedingte Ver-
änderung haben die Häuser ihren Charakter
bewahrt und zeigen die spezifische Adaption
des „Heimatstils“ im großstädtischen Miet-
wohnungsbau. Leider ist heute der Platzein-
druck durch die Bebauung der Grünfläche be-
einträchtigt.
Von Belang ist selbstverständlich die Gestal-
tung der Schmalseiten. Südöstlich des Plat-
zes findet sich ältere Bausubstanz; die gegen-
überliegende Ecke nimmt ein klotziger Bunker
der Kriegszeit ein. Ursprünglich schlossen die
Westseite in lockerer Reihung die kleinen
Wohnhäuser der Arbeiterkolonie von 1872-
75: Architektonisch und hinsichtlich der Be-
wohnerschicht ein harscher Kontrast (vgl.
Beethoven-/Konkordiastraße), der heute ele-
miniert ist. Der hier neu eingerichtete Spiel-
platz weitet den Raum nach Norden und Sü-
den aus und öffnet den Blick auf die Eichen-
dorffschule (s.o.) und die Häuser des Spar-
und Bauvereins (s.o.). Das verunklärt aber
gleichzeitig den schon durch die Bebauung
der Freifläche beeinträchtigten ursprüngli-
chen Platzraum.

Pfarrlandplatz 7-10, Wohnhäuser, um 1910


Wilhelm-Bluhm-Straße 26, 24-20,
Wohnhäuser, 1926/28, Architekt F. Möller


Wilhelm-Bluhm-Straße 12, Fabrikfassade, 1913,
Architekt E. Werner


Wilhelm-Bluhm-Straße 12, Fabrik,
Schornstein (um 1890) mit Kesselhaus (um 1920)


WOHNBLOCK BERDING-,
BRACKEBUSCH-, WILHELM-BLUHM-
UND LEINAUSTRASSE
Als der Pfarrlandplatz angelegt wurde, be-
stand nördlich davon bereits die parallel zur
Limmerstraße verlaufende Gummistraße
(heute Wilhelm-Bluhm-Straße), an die sich
das Gelände der 1845 gegründeten Tapeten-
fabrik Leinau (später Seifenfabrik Bracke-
busch, verschwunden) schloß. Nach dem Er-
sten Weltkrieg wurde der südliche Grund-
stücksabschnitt an der Gummistraße für
Wohnbebauung vorgesehen. Der Spar- und
Bauverein Hannover kaufte das quadratische
Grundstück auf und errichtete 1926-28 sein
zweites großes Projekt in Linden-Nord, für das
der „Genossenschaftsarchitekt“ F. Möller die
Pläne lieferte (Berdingstraße 1,3, 5, 7, Brak-
kebuschstraße 1, 2, 3, 4, 5, Leinaustraße 17,
19,21,23, Wilhelm-Bluhm-Straße 20, 22, 24,
26).
Es handelt sich um eine vierflügelige, durch ei-
nen schmalen Grünstreifen vom Straßenbe-
reich abgesetzte Wohnanlage mit einem Eck-
laden (Brackebusch-/Leinaustraße). Die Bau-
ten haben einen Klinkersockel, sind sonst ver-
putzt und zurückhaltend durch Gesimse und
sich wiederholende rahmende Formen belebt.
Die für die zwanziger Jahre typische Gliede-
rung der symmetrischen, aus mehreren Häu-
sern zusammengesetzten Flügel erfolgt durch
unterschiedliche Geschoßzahlen (vier und
fünf) und die risalitartige Gestaltung der mittle-
ren Gebäude, wobei die Fronten an der Brak-
kebusch- und Leinaustraße gleich sind. Die
Front zur Berdingstraße könnte man als
Hauptfassade ansehen, da als zusätzliches
Gliederungselement die Eckabschnitte um
zwei Fensterachsen vorspringen und damit ei-
nen seitlichen Abschluß sowohl der Fassade
als auch des Vorgartens erzeugen. Die Flügel
umschließen einen weiten quadratischen, be-
grünten Innenhof, der einen bedeutenden Ge-
gensatz zu den engen Hinterhöfen darstellt; er
sollte als geschützter Bereich den Bewohnern

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