Ephron, Walter; Strzygowski, Josef <Prof. Dr.> ; Bosch, Hieronymus [Editor]
Hieronymus Bosch - Zwei Kreuztragungen: eine "planmässige Wesensuntersuchung" — Zürich , Leipzig , Wien, 1931

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Kunde

Im Jahre 1923 erwarb die Staatsgalerie in Wien aus dem Amsterdamer Kunst-
handel eine Kreuztragung von Hieronymus Bosch. Dieses Bildim Hochformat
(in der Folge Mus.-Biid genannt), Galerie Nr. 651 a, Größe 57-2 X 32 cm, zeigt
in zwei Stufen in der oberen Hälfte die Kreuzschleppung Christi und in der unte-
ren Hälfte die beiden Schächer am Richtplatz. Der figürliche Teil des Bildes war
bereits bekannt, denn ein Bild der Sammlung Weinberger in Wien (in der
Folge Weinb.-Bild genannt) wies dieselben Figuren auf wie das Mus.-Bild, nur
daß die Komposition dort nicht zweiteilig, sondern der Breite nachgegliedert war.
In einer Abhandlung „Die Chronologie der Gemälde des Hier. Bosch“,Jahrbücher
der preuß. Kunstsammlungen 1917, publizierte Ludwig von Baldaß u. a. das
Weinb.-Bild und sagte von ihm, Seite 193: „Die Typen und Bewegungen der
Gestalten, und die einfache breite Flachlandschaft sprechen dafür, daß in diesem
Bild eine getreue Kopie eines Spätwerks des H. Bosch sich erhalten hat.“ Dort
ist das Bild auch unter Nr. 8 abgebildet.

Van Mander,der niederländischeKunstschriftsteller, schreibt in „Das Leben
der niederländischen und deutschen Maler“ (Textabdruck der Carel van Mander-
schen Ausgabe von 1617,übersetzt und herausgegeben von Hanns Floerke),Seite
143: „Ferner befindet sich von ihm in Amsterdam eine Kreuzschleppung bei der
er mehrErnst,als sonst wohl seine Gewohnheit war, gezeigt hat. “ Baldaß erwähnt
dazu in einer Fußnote: „Auch die Komposition dieser in der Literatur noch un-
erwähntenKreuztragung (Weinb.-Bild) kann inFolge des mangelnden „Ernstes“
mit der von Karl van Mander gesehenen nicht identisch sein.“

Die Bemerkung Van Manders scheint mir nicht gut verständlich. Denn Bosch
ist doch überall ein ernst zu nehmender Künstler. Vielleicht meint Van Mander
etwas ganz anderes mit dem Worte „ernst“, als wir heute darunter verstehen.
Aber auch der Bemerkung Baldaß’s vom „mangelnden Ernst“ des Weinb.-Bildes
kann man nicht gut beistimmen. Baldaß erwähnt nicht, was eigentlich am Weinb.-
Bild unernst wäre. Möglicherweise einzelne satirische Züge bei einigen Figuren.
Dann wäre es aber auch noch eine Frage der Auffassung, ob das Wesen der
Satire ernst oder unernst sei.

Aus dem Van Mander’schen Satz kann weder positiv noch negativ auf das
Mus.- oder auf das Weinb.-Bild rückgeschlossen werden. Es soll durch seine
Zitierung an dieser Stelle nur festgehalten werden, daß es außer den bekannten
Kreuztragungsbildern von Bosch auch noch dieses literarisch erwähnte Bild gibt,
das möglicherweise vielleicht doch mit einer der beiden hier untersuchten Kreuz-
tragungen in Zusammenhang gebracht werden könnte.

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