Ephron, Walter; Strzygowski, Josef <Prof. Dr.> ; Bosch, Hieronymus [Editor]
Hieronymus Bosch - Zwei Kreuztragungen: eine "planmässige Wesensuntersuchung" — Zürich , Leipzig , Wien, 1931

Page: 140
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war es Bosch an dem farbigen Gegensatz zwischen Menschen und Landschaft
gelegen. Erst durch die Gegenüberstellung von Beleuchtung und Ton wird
der gekünstelte kompositionelle und perspektivische Aufbau zur innerlich er-
lebten Kunst. Man muß diesen bedeutsamen Gegensatz gesehen haben, um
den Stimmungsgehalt, der ihm entspringt, voll zu verstehen. Nur auf diesem
direkten Wege wird es klar, daß letzten Endes der Kontrast zwischen Ton
und Beleuchtung seelisch den Gegensatz von „unendlich“ und „endlich“ ver-
sinnbildlicht und das Ganze nur in übertragener Bedeutung zum Geschehen
der Kreuztragung aufzufassen ist, in der Art, daß sich das irdische Schicksal
des Menschen Christus im nüchternen Lichte der Wirklichkeit abspielt, daß
aber sein göttliches, unendliches Weiterleben durch die unendlich ausgedehnte,
Ton in Ton gehaltene Landschaft ausgedrückt erscheint. Diese Gleichsetzung
des Göttlichen mit der in sich ruhenden weiten Natur ist bezeichnend für
den Künstler Bosch und gibt Zeugnis von seinem echten nordischen Wesen.

Es lassen sich, wie gesagt, die zarten Werte der Beleuchtung und mehr
noch des Tones nicht in geeigneter Weise festhalten, um sie als Belegstücke
dem prüfenden Auge vorzulegen. Doch können vielleicht die schwarz-weiß
Wiedergaben wenigstens einen Schein dieser optischen Wesenheiten vermit-
teln, aus denen zumindest der Gegensatz der harten Beleuchtung und des
stimmungsvollen schwebenden Tones ersehen werden kann. Und vielleicht
kann diese verminderte Anschauung auch genügen, den Eindruck zu bestä-
tigen, wie meisterlich der Maler seine künstlerische Absicht ausführte. Nie
hätte eine Kopistenhand die Kraft und Zartheit, nie die Sicherheit besessen,
Beleuchtung und Ton in so hoher Vollkommenheit, gleichgestimmt in äußerer
Wirkung und innerer Beseeltheit, wiederzugeben. Nur der geistige Urheber
Bosch konnte so tief mit seinem Werke verbunden sein, daß er einen so end-
gültigen Zustand mit Pinsel und Farbe in höchster Meisterschaft vollbrachte.

b) Innere Gestalt.

Bereits in den Richtlinien der planmäßigen Eigenhändigkeitsbestimmung wurde
darauf hingewiesen, in wie enger Beziehung die innere Gestalt (die physiogno-
mische Erscheinung) zur schöpferischen Hand des Künstlers steht. Wie die
Gesichtszüge und die Gesten der Hände eine Einfühlung in die Seele der
Dargestellten verlangen, die allein nur der schaffende Künstler aber nie der
wiederholende Kopist haben kann. Außerdem zeigt auch die innere Gestalt
die besondere Lage des Dargestellten, wie sie sich in dem ihm von Künstlers
Gnaden verliehenen Wesen widerspiegelt. Und schließlich kommt noch ein
Drittes, ganz Unnachahmbares dazu, nämlich die besondere Eigenart des Malers

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