Ephron, Walter; Strzygowski, Josef <Prof. Dr.> ; Bosch, Hieronymus [Editor]
Hieronymus Bosch - Zwei Kreuztragungen: eine "planmässige Wesensuntersuchung" — Zürich , Leipzig , Wien, 1931

Page: 139
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2. Die Durchführung

Rohstoff und Werk

Die Untersuchungen der verwendeten Rohstoffe und Werkarten des Weinb.-
Bildes, die am Beginne der Wesensuntersuchung durchgeführt wurden, erwiesen
sich in der darauf bezüglichen Inhaltserforschung als typisch für den Maler
Bosch. Es handelt sich vor allem um die Verwendung des weißen durchschei-
nenden Malgrundes und um die eigenartige Konstruktion zweier verschiedener
Horizonte. Auch die Reuezüge (Pentimente) wurden dort kritisch betrachtet
und aus diesen abgeleitet, daß ihr Vorhandensein für eine originale, eigenhändige
Bildentstehung spricht. (Siehe „Rohstoff und Werk“ und „Inhalt in Bezug auf
Rohstoff und Werk“.)

Erscheinung (Gestalt und Form)
a) Beleuchtung und Ton

Es ist leicht einzusehen, daß nicht aile Teilwerte eines Gemäldes in gleichem
Maße kopierbar sind. Während jeder zeichnerische Umriß und damit auch die
Komposition mit einer nicht allzu großen Kunstfertigkeit nachgezogen werden
kann, so beginnen die Schwierigkeiten schon bei der Farbe und mehr noch
bei den schwebenden Werten der Beleuchtung und des Tones. Der Mangel
geeigneter färbiger Wiedergaben läßt die darauf bezüglichen Untersuchungen
wenig anschaulich werden. Hier muß wohl den angegebenen Farbschilde-
rungen Glauben beigemessen werden; denn beweisen lassen sich solche
Werte nicht einmal durch farbige Abbildungen, sondern nur durch unmittel-
bare Ansehung.

In der Wesensuntersuchung wurde im Vordergrund des Weinb.-Bildes eine
kühle Tageslichtbeleuchtung festgestellt, die alle Figuren zu starker und satter
Farbwirkung brachte. Bereits dieses natürliche Licht vermochte der Kopist
(Pseudo-Bosch) des Mus.-Bildes nicht wiederzugeben. Viel weniger aber noch
den zusammengefaßten grünblauen Abendton des Hintergrundes, der am Weinb.-
Bild im Gegensatz zum kontrastreichen farbenprächtigen Vordergrund steht.
In Ansehung dieses Farbakkordes erkennt man erst die Zusammenhänge und
das tiefe künstlerische Erlebnis dieses Bildes. Die zwei Perspektiven sind nur
sachlich in der Figurengruppe und in der Landschaft verankert; künstlerisch

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