Heidelberger Jahrbücher der Literatur — 31,2.1838

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N°. 68. HEIDELBERGER 1838.
JAHRBÜCHER DER LITERATUR.

Brüning: Das Daseyn Gottes und der menschlichen Willens-
freiheit.
(Beschlufs )
Auch der Stein, die Pflanzen u. s. w. haben Triebe,
jener zu fallen, diese zu wachsen, zu blühen u. s. w. Wenn
die Triebe in der Thierwelt zur Empfindung kommen, so
heifsen sie Begierden; und wenn sie beim Menschen zur Re-
flexion gelangen (in die Vorstellung aufgenommen werden),
so werden sie Beweggründe, Motive genannt.
Diese Motive sind nun entweder 1) ursprüngliche Be-
gierden, welche dem Genüsse vorangehen. Dies sind die
Instinkte oder Naturtriebe, die unmittelbar treiben. Oder
2) nichtursprüngliche Begierden, welche erst aus dem Ge-
nüsse oder der Empfindung hervorgehen. Diese Empfin-
dungen oder Gefühle sind das Angenehme und das Lfn-
angen ehme.
Nachdem nun der Verfasser in eine nähere Untersuchung
der Motive übergegangen und auf das Sittlich-Gute und die
moralischen Gefühle als das im menschlichen Gemiithe sich
vorfindende Höchste gekommen; so gelangt er nun zu Be-
stimmung der Weltursache: als ein nicht blos allmächtiges,
sondern auch selbstbewufstes, freies, vernünftiges, morali-
sches Urwesen, ähnlich in diesen Eigenschaften dem Men-
schen, aber über demselben unbegreiflich erhaben.
Menschen-ähniichkeit Gottes, sagt er, ist nothwendig.
Denn da eine rein negative Vorstellung von Gott sich zu
machen eine reine Unmöglichkeit ist; so bleibt das Geistige
im Menschen bei Seite gesetzt und nur das Materielle der
äufsern Natur mit ihren Kräften übrig, der Idee Inhalt zu
geben; wodurch man in den unhaltbaren Naturalismus ver-
fällt. Dagegen aber freilich auch der Anthropomorphismus
Gottes, wenn er in eine arge Vermenschlichung Gottes aus-
artet, wie leider so häufig in den Volks-Religionen — als
Quelle unsäglichen Moral und Religion verderbenden Aber-
glaubens zu fliehen ist.
XXXI. Jahrg. 11. Heft.

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