Heidelberger Jahrbücher der Literatur — 31,2.1838

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Vischer: lieber das Erhabene und Komische.

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gefunden in der Differenz, der ganzen antiken und modernen
Weltanschauung. In der modernen Welt kommt Alles aus-
dein Innern. Die antike synthetische Behandlung des
Schicksals macht sich in drei Punkten geltend: a. das Schick-
sal ist durch mythische Organe im Voraus ausgesprochen.
(Erbärmlichkeit der modernen Schicksalstragödien.) b. Die
Schuld ist auch vorhanden, aber nicht rein; sie ist zum Theil
ein Fluch, ein vom Wahn begangenes Verbrechen, das wie-
der eine Kette von Verbrechen, die zugleich Strafen sind,
mit sich zieht. (Interessante Vergleichung der Worte des
Sophokl. Oedipus und des Apostels Paulus: Oed. Col. 965 ff.
Rörn. 9, 11—15.) Aber vermöge einer Antinomie ist diese
Schuld nicht nur Strafe sondern verdient auch Strafe.
Dieser Widerspruch ist bei den Alfen aufgestellt, aber nicht
aufgelöst. Im Concreten versteckt bildet er die Furchtbar-
keit der alten Tragödie. Die Lösung desselben ist nicht bei
der Lehre vom radikalen Bösen zu suchen, die mit dem Fak-
tum der Fluchschuld nichts zu thun hat. Die Tragödie wirkt
gerade durch die Unlösbarkeit dieses Räthsels, welche aus
jeder Tragödie, aus der antiken nur in herberer Form her-
vortritt. Cadit homo Dei providentia, sed suo vitio cadit.
(Calvin.) Ob das Problem überhaupt lösbar sey, hat die Me-
taphysik, nicht die Ästhetik, zu entscheiden. Das Tragische
mufs für den Verstand dunkel seyn; klar kann es nur seyn
für die (von Hegel erleuchtete) Vernunft, welche weifs, dafs
Gott und Mensch eins sind. (8. 109 —124.)
c. Die Versöhnung des trag. Schmerzes ist in der alten
Tragödie weit oberflächlicher, als die neuere Poesie es er-
fordert. Die tragische Versöhnung besteht darin, dafs das
negative Resultat (das Leiden) zu einem Positiven wird,
zur geläuterten Stimmung des Untergehenden, und dadurch
zu einer Versöhnung des Leidenden mit Gott. Diese er-
scheint aber in der alten Tragödie nur sehr äusserlich gehal-
ten. (Orestie. Ajax.) Und diefs kommt daher, wreil jenes
reine Bewufstseyn der Schuld in der alten Tragödie
nicht wie in der neuen (Maria Stuart, Göthe’s Iphigenie)
möglich ist. Die moderne Versöhnung braucht übrigens nicht
gerade im trag. Subjekt, sondern nur in der Tragödie selbst
und dadurch wenigstens in der Seele des Zuschauers zur
Verwirklichung zu kommen. (Wallenstein. Richard III.)
(S. 124 — 129.)
Die dritte Stufe ist die prägnanteste, reinste, durch-
sichtigste Form des Tragischen. Hier ist das eine Element,
der absolute Geist d. h. die rein geistige Einheit alle, sittli-
chen Wahrheiten und Gesetze. Das andre Element ist ein
Subjekt, das eine einzelne sittliche Wahrheit, abgerissen vom
Complex der andern sittlichen Wahrheiten verlolgt. Ihm
steht in einem andern Subjekte das andere (wohl: ein an-
dres) sittliche Gesetz mit derselben Kraft des Pathos gegen-
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