Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 1.1902-1903

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BÜCHERBESPRECHUNGEN

Georg Gronau. Aus Raphaels florentiner
Tagen. Berlin. Bruno Cassirer 1902. M. 10,50.

Für Raphaels Entwickelung vom umbrischen
Maler zum weltbeherrschenden Führer der rö-
mischen Schule sind die Eindrücke und Studien
seiner florentiner Jahre von massgebender Bedeu-
tung gewesen. Ihre Spuren hat man mit Sicher-
heit bis in seine ersten römischen Werke verfolgen
können und schon öfter auf die freie Verwendung
von Motiven aus Werken Donatellos, Pollaiolos,
Leonardos, Michelangelos und Signorellis hinge-
gewiesen. Viel stärker und deutlicher als in seinen
Gemälden müsste naturgemäss die Einwirkung der
grossen, ihm an Formenkenntnis und technischem
Können damals weit überlegenen Florentiner in
seinen Zeichnungen aus dieser Zeit zum Aus-
drucke kommen. Hier ist nun die Kritik mit einem
gewissen Eigensinn von dem geraden, durch die
Logik deutlich bezeichneten Wege abgewichen.
Ihre merkwürdige Vorliebe für Künstler zweiten
und dritten Ranges und die Lust am Widerspruch
gegen die Tradition und gegen die ältere Forschung
haben Morelli und seine Gefolgschaft oft verführt,
die Aufmerksamkeit, ihre eigene wie die ihrer
Leser, allzusehr von dem Meister auf seine Um-
gebung von Nachahmern und Konkurrenten ab-
zulenken. An und für sich hat das Prinzip, das
Werk des grossen Meisters durch genauere Cha-

rakterisierung ihrer zahlreichen Nachahmer von
anzugehörigen Bestandteilen zu reinigen, seine
volle Berechtigung, aber man war nicht immer
im stände, die Gefahr zu vermeiden, sich in Einzel-
heiten zu verbeissen und die Bedeutung der be-
vorzugten Künstler zu überschätzen. Den Weg
zur Konzentration auf die Schöpfungen der Grossen
hat man aus dieser zerstreuenden Betrachtung der
mehr äusserlichen Stileigentümlichkeiten ihrer
Trabanten und aus persönlicher, verbitternder
Polemik nicht leicht wieder finden können. An
die Stelle der früheren Kritiklosigkeit trat oft die
Hyperkritik. Abstreiten und für falsch erklären
giebt immer den Schein der Überlegenheit, und.
wer nicht ja und ah! dazu sagt, wird einfach für
dumm erklärt. Besonders Raphael, oder vielmehr
unsere Anschauung von seiner künstlerischen
Jugendentwickelung hat unter dieser etwas gewalt-
tätigen Kritik zu leiden gehabt. Wo fremdartige
Stilelemente den Vorstellungen, die man sich von
seiner Kunstweise gebildet hatte, zu widersprechen
schienen, glaubte man ohne weiteres die Hand
anderer Künstler erkennen zu müssen, ohne zu
bedenken, dass man gerade bei ihm und in dieser
Epoche mit besonders starken Stilschwankungen
zu rechnen hatte. Es mussten zu diesem Zwecke
einige Künstler erst „gerettet", unsere Vorstel-
lungen von ihrer Bedeutung künstlich in die Höhe

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