Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 5.1907

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ihn anzureden, und er redete mich nicht an, bis er
eines Abends, — dreimal glücklicher Abend! —
als ich in Gedanken an ihn dasass und so tat, als
ob ich eifrig Korrekturbogen läse, mich fragte, ob
die Unterhaltung im Cafe nicht meine Aufmerk-
samkeit ablenke. „Durchaus nicht," antwortete
ich, „ich habe an Ihre Malerei gedacht."

Wie mir scheint, wurden wir sogleich befreun-
det. Er lud mich in sein Atelier in der Rue
d'Amsterdam ein, wo seine grössten Werke gemalt
wurden — alle die Werke, die Manet und nur
Manet sind, der echte Manet, der Pariser Manet.
Doch eh ich von seiner Malerei spreche, ist eine
Beschreibung seiner Persönlichkeit für das Ver-
ständnis Manets von Bedeutung.

Man hat oft behauptet, die Persönlichkeit des
Künstlers gehe uns nichts an. Wo es sich um
schlechte Kunst handelt, ist das sicher richtig; denn
schlechte Kunst offenbart keine Persönlichkeit,
schlechte Kunst ist schlecht, weil sie anonym ist.
Das Werk des grossen Künstlers ist er selbst, und
da Manet einer der grössten Maler war, die je ge-
lebt haben, so war seine Kunst ganz Manet. Man
kann nicht an Manets Malerei denken, ohne an
den Menschen zu denken.

Als ich Monet zum letzten Male sah, speisten
wir zusammen im Cafe Royal; wir hatten von
allerhand gesprochen, da plötzlich sagte Monet
ganz unvermittelt, gleichsam im Traum: „Wie sehr
glich doch Manet seinen Bildern!" Und ich ant-
wortete entzückt, denn es ist stets anregend, sich
über Manet zu unterhalten: „Ja, wie sehr! Das
amüsante Gesicht mit der hellen Farbe, die klaren
Augen, die schlicht, wahr und scharf sahen!" Und
nachdem ich so viel gesagt hatte, wanderten meine
Gedanken zu der Zeit zurück, da die Glastür
des Cafes auf dem mit Sand bestreuten Boden
knirschte und Manet hereintrat. Wiewohl er von
Geburt und Erziehung völlig Pariser war, hatte er
etwas in der Erscheinung und in seiner Sprechweise,
das oft an einen Engländer gemahnte. Vielleicht
war es seine Kleidung, sein gut geschnittener
Anzug und seine Figur. Diese Figur! Die breiten
Schultern, die sich wiegten, wenn er durchs Zim-
mer schritt, und die dünne Taille; Gesicht, Bart
und Nase — soll ich sagen: satyrhaft? Nein, denn
ich möchte die Vorstellung einer schönen Umriss-
linie, die sich mit geistigem Ausdruck paart, er-
wecken. Aufrichtig in seinen Worten, eine auf-
richtige Leidenschaft in seinen Überzeugungen,
wahrhafte, schlichte Sätze, klar wie Brunnenwasser,

manchmal ein wenig herb, manchmal bitter dahin-
fiiessend, doch an der Quelle süss und licht.

Ich sollte Manets Mut hervorheben, denn ohne
Mut kann es keine Kunst geben. Wir alle kennen
die Redensart: ,Mir ist zum Glück der Gedanke
nie gekommen'; aber wer da meint, dass er nicht
gerne jeden Gedanken zu Ende denken möchte,
der ihm zufällig aufsteigt, dem würde ich von der
Kunst abraten, wenn ich könnte. Manets Kunst
ist die mutigste, die man je erlebt hat. Man blickt
sich vergeblich nach Ausflüchten um, die wir bei
allen andern Malern finden. Was er sah, das hat
er ehrlich, geradezu unschuldig wiedergegeben;
und was er nicht sah, darüber ging er hinweg.
Nie im Leben hat er sich dabei aufgehalten, sich
mit einer Zeichnung abzuquälen, die ihn nicht
interessierte, weil möglicherweise jemand die
Unterlassung bemerken könnte. Es gehörte zu
seinem Genie, dass er unterliess, was ihn nicht
interessierte.

Mir fällt ein junger Mann ein, von dem Manet
etwas hielt und der häufig zu ihm ins Atelier kam.
Eines Tages brachte er seine Schwester mit. Kein
hässliches Mädchen, nicht besser und nicht schlech-
ter als manche andre, ein bisschen alltäglich, sonst
nichts. Manet war freundlich und liebenswürdig;
er zeigte seine Bilder, war beredt, aber als sich
der junge Mann am nächsten Tag einstellte und
Manet fragte, wie ihm seine Schwester gefallen
habe, sagte dieser, indem er den Arm ausstreckte
(die Bewegung war ihm zur Gewohnheit gewor-
den): „Das Mädchen, von dem ich's am aller-
wenigsten gedacht hätte, war Ihre Schwester."
Der junge Mann protestierte: Manet habe seine
Schwester unvorteilhaft gekleidet gesehn — sie
trug ein dickes Wollkleid, denn es lag Schnee.
Manet schüttelte den Kopf: „Ich brauche nicht
zweimal zu sehn; ich pflege die Dinge zu beur-
teilen." So oder ganz ähnlich lauteten seine
Worte.

Ich dächte, diese Anekdote wirft ein Licht auf
Manets Malerei. Er sah rasch und scharf, und er
gab, was er sah, ehrlich, geradezu unschuldig
wieder. Gute Manieren verriet es vielleicht nicht,
in solchen Ausdrücken zu einem Bruder von seiner
Schwester zu sprechen, aber es handelt sich hier
nicht um gute Manieren. Was sind Manieren
anders als Konventionen, die zu einer gewissen
Zeit bei einer gewissen Klasse herrschen? Leute
mit guten Manieren denken nicht aufrichtig, ihr
Geist ist voller Vorwände und Ausflüchte. Leute

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