Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 5.1907

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CHRONIK

Unter den neueren deutschen Künstlern hat Corinth
am meisten natürliche Lebensfülle. Das ästhetische Ge-
säusel der modernen Theegesellschaft übertönt er dreist
mit seinem zechfrohen Lebenslied:

„Mich ergreift, ich weiss nicht wie,

Himmlisches Behagen.....

Beim Gesang und Glase Wein

Auf den Tisch zu schlagen."
Er hat, unter lauter Nervösen, gesunden Lebens-
appetit; betrachtet das Dasein in heller Gargantualaune
wie einen saftigen Braten und beisst hinein, dass der
Saft ihm am Mund herablauft. So malt er sich dann,
mit spottendem Wohlgefallen an der eigenen Un-
geschlachtheit. Eine Figur wie aus den fetten Jahren
des niederländischen Wohlstandes; aber, o weh! ins
westliche Berlin unserer Tage verpflanzt, in ein Milieu,
das Gallsucht erregt und die behagliche Falstafflaune
leicht ins Mephistophelische überschlagen macht.

Corinth malt in diesem Zwiespalt gern Selbstbekennt-
nisse. Er liebt es, das Premierenpublikum der Aus-
stellungen durch seine Konfessionen zu provozieren;
und beweist damit sehr lustig innere Abhängigkeit.
Seine Lage kennt er und sagt: nun gerade! Wie diese
Lage ist, kennzeichnet gut die Art, wie man über ihn
spricht. Der Name Liebermann wird mit ungehaltener

Ehrerbietung, mit gereizter Wertschätzung genannt;
von Corinth spricht man mit nachsichtigem Staunen und
mit liebevoll schmunzelnder Bewunderung. Man liebt
ihn, wie etwa Fritz Reuter geliebt wurde; er lässt an eine
Natur wie Bürger denken, der auch zugleich schwach
und stark war durch mastig strotzende Sinnlichkeit.

Anlass zu solcher Betrachtung gab die Februaraus-
stellung bei Paul Cassirer. Corinth hatte dort Bilder aus-
gestellt,die vielleicht dasReifste sind, waser je produziert
hat. Selten nur hat er seine reichen Gaben so zu nutzen
gewusst, dass Meisterliches entstand; sein Schlächter-
laden aber ist nun ein in seiner Art vollkommenes
Werk. Leibi hätte es kaum so wahr und edel, so hol-
ländisch modern, so frei von allem Ateliergeruch malen
können. Und Liebermann wird nicht umhin können,
auf dieses Werk zu blicken, wie Solness auf die Zeich-
nungen seines Schülers blickte. Kaum weniger vollendet
ist das Bild „Beim Wein", das eine sehr gewagte Situation
durch männliche Charme, zärtliche Natürlichkeit und
eine hafisselige Romantik naiv und unschuldig zu
machen weiss.

Die übrigen Bilder sind problematischer. Dem über-
kühnen Versuch, eine elegant in Rot und etwas Grün
gekleidete Frau zu malen, die ihre Röcke hoch, sehr
hoch nimmt, um ein Strumpfband zu binden und dabei

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