Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 5.1907

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nur noch eine Stimme, dann geht eine Thür auf;
es stürzen zweie herein, man will erwachen, aber
unerbittlich dauert das Hereinstürzen fort. Momente
giebt es im Traum, deren Erinnerung wir im Leben
nie vergessen können.

So wirkt auch das Theater mit seinen Gestalten,
Worten, Lauten, Geräuschen und Farben. Wer
möchte zu einer holdseligen Liebesszene den üppig
verwachsenen Garten vermissen, zu einem Mord
die dunkle Wand der Gasse, zu einem Schrei das
Fenster, durch welches er ausgestossen werden kann,
zum Fenster die zärtlich und frauenhaft weisse
Gardine, die es verfenstert und verzaubert und
wieder vernatürlicht? Schneelandschaften, nächt-
liche, liegen auf der Bühne, dass man glauben sollte,
sie erstrecken und dehnen sich meilenweit; ein
Eisenbahnzug mit rötlich schimmernden Waggon-

fenstern zieht vorüber, ganz langsam, als zöge und
winde er sich in weiter Ferne, wo das Schnelle
dem Auge nicht schnell entfliehen will. Ferne und
Nähe sind im Theater dicht nebeneinander. Zwei
Schurken flüstern immer zu laut; der edle Herr hört
alles und er stellt sich doch ahnungslos. Das ist das
Traumhafte, das wahre Unwahre, das Ergreifende
und zu guter Letzt das Schöne. Wie schön ist es,
wenn zwei Kerle laut brüllend miteinander flüstern,
während des Andern Gesichtszüge sagen: wie still
ist es rings umher!

Solches ähnelt den grausigen und schönen Ge-
sichten im Traum. Die Bühne setzt alles daran, zu
erschrecken; sie thut gut daran, das zu beabsich-
tigen, und wir thun gut, das Etwas in uns zu hüten,
das uns den Genuss und den Schauder dieses Schreckens
noch empfinden lässt.

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