Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 5.1907

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DIE AMERIKANISCHE GEFAHR
IM KUNSTHANDEL

VON

WILHELM BODE

Noch vor vier Jahren konnte ich von einem
Kauf erzählen, den einer der leidenschaftlichsten
Sammler drüben für fünf Millionen Franks gemacht,
in dem aber der Schund und das Mittelgut so über-
wog, dass ihr Verkauf nach Amerika fast als ein
Glück für Europa bezeichnet werden kann. Diese
Sammlung (des inzwischen verstorbenen Don Mar-
cello in Rom) hat in Amerika bisher kein Glück
gemacht: der Käufer hat sie, trotz Mr. LafFans
Reklame, nicht auszustellen gewagt; sie ist nach
wie vor in einem store-house von New York auf-
gespeichert. Aber ähnliche unglückliche Käufe hat
Amerika seither nicht mehr zu verzeichnen. Dass
ein Sammler einmal hineinfällt, passiert natürlich
hüben wie drüben. So konnte man z. ß. in der
sehr reichen, trefflichen Sammlung italienischer
Bronzestatuetten, die Mr. Pierpont Morgan im Vic-
toria and Albert Museum ausgestellt hat, mitten
zwischen alten Meisterwerken noch in diesem
Sommer eine Bronzegruppe von Adam und Eva

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or vier Jahren habe ich an dieser
Stelle auf die Gefahr aufmerksam
gemacht, die unserem Kunstbesitz
in Europa von Amerika aus droht.
Seither ist diese Gefahr wesentlich
grösser geworden, ja die Aus-
wanderung guter alter Kunstwerke nach Amerika
ist so stark, dass schon heute die Sammlungen
drüben für manche Gattungen und Künstler mit-
genannt werden müssen, zum Teil sogar in erster
Reihe stehen, von der ostasiatischen Kunst ganz
abgesehen. Dieser Zug der Kunstwerke nach dem
Westen wird in nächster Zeit voraussichtlich noch
wesentlich zunehmen, denn mit dem wachsenden
Interesse hat drüben auch das Verständnis zu-
genommen, und auch im Sammeln entwickeln die
Amerikaner die ihnen eigentümliche Energie und
Zähigkeit und die an Gleichgültigkeit streifende
Verachtung des Geldes bei der Bestimmung der
Preise.
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