Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 5.1907

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CHRONIK

Durch eine Denkschrift des General-Direktors der
Museen erfährt man, welches im besonderen die Auf-
gaben des neuen Museumsbaumeisters Messel sein
werden. Diese Denkschrift ist nach mancher Richtung
merkwürdig. Während sie mit grossem Zuge einen Uber-
blick über unser gesamtes Museumswesen giebt, liest
sich ihre Sachlichkeit stellenweis wie eine Anklage. Es
stellt sich beim Lesen etwas wie Empörung ein, dass
der weitsichtig organisierende Geist Bodes nicht schon
vor zehn Jahren zur Herrschaft gelangt ist. Dann wäre
jetzt das Kaiser Friedrich-Museum den neuen Plänen
nicht so unbequem im Wege. Es wird ein Museum für
ältere deutsche Kunst gefordert, weil das vor zweiJahren
erst eröfFnete Kaiser Friedrich-Museum nicht genug
Raum bietet und weil die Beleuchtungsverhältnisse dort
zum Teil so unerträglich sind, dass Reflektoren zur
künstlichen Aufhellung angebracht werden mussten. Die
meisten der geplanten Neubauten: eben dieses Museum
für deutsche Kunst, ein Erweiterungsbau der ägyp-
tischen Abteilung, ein Museum für vorderasiatische
Kunst, ein neues Haus für die antiken Sammlungen und
— ein sehr glücklicher Gedanke! ■— ein Verkaufslokal
für die Gipsformerei, sind auf dem noch freien Gelände
der Museumsinsel projektiert. Versetzt man sich in
die Zeit zurück, wo nur die Nationalgalerie, das Alte

und das Neue Museum vorhanden waren und stellt sich
dann vor, ein Künstler wie Messel würde alle Ergän-
zungsbauten auf dem Hinterland auszuführen haben,
so zeigt sich der Phantasie ein unendlich reizvolles
Architekturbild. Durch diese Vorstellung macht der
protzige Renaissancekasten des Kaiser Friedrich-
Museums nun einen dicken Strich. Trotzdem ist
Messels Aufgabe noch interessant genug. Denen, die
geistreiche Architekturleistungen zu geniessen ver-
stehen, kann die Art, wie Messel die niedrigen neuen
Gebäude dem Hause Stülers und Stracks angliedern
wird, einen erlesenen Genuss bereiten. Hoffentlich wird
dann auch für eine Regulierung der Strassen am Kupfer-
graben gesorgt, dergestalt, dass man vom Kastanien-
wäldchen aus schon einen Blick auf den Museenkom-
plex gewinnt, dass eine breite Brücke neue bequeme
Zugänge öffnet, am Kupfergraben also ein wohl-
gegliederter Platz entsteht und der stellenweis graben-
artige Spreearm erweitert wird. Und es wird kein
Fehler sein, wenn man bei der Gelegenheit gleich auch
das Zeughaus freilegt. Wenn es jemals Zeit und Ge-
legenheit war, gründliche Arbeit zu thun, so ist jetzt
der Augenblick. Es ist eine Situation, die den an den
Schreibtisch Gebannten nervös macht und ihn ausrufen
lässt: „Wenn ich Kaiser war . . .!"

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