Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 5.1907

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WILHELM BODE

VON

MAX LIEBERMANN

odes neuestes Buch „Rembrandt und
seine Zeitgenossen", das vor einigen
Wochen erschienen ist — oder sollte
iniwischen noch ein neueres er-
schienen sein, was bei seiner schier
unglaublichen Produktivität nicht unmöglich wäre?

— ist ein ganz persönliches Buch: nur Bode konnte
es schreiben. Es liegt die Leidenschaft für die Kunst,
die den jungen Assessor die Juristerei an den Nagel
hängen Hess und die fast vierzigjährige Erfahrung
des jetzigen Generaldirektors der Museen darin.

Bode ist vor allem leidenschaftlicher Sammler.
Er kennt alle alten Bilder in den Museen Europas
und Amerikas und womöglich besser noch kennt
er die alte Kunst, die noch im Handel ist. Er weiss,
wo jedes Bild sich befindet, wo es früher war und

— wer es kaufen wird. Er beherrscht den Bilder-
markt und er disponiert nicht nur über die Mittel,
die der preussische Staat für den Ankauf alter Kunst
aussetzt, sondern er gebietet auch über das Heer
von Amateuren, das auf ihn schwört; und mit
Recht auf ihn schwört, denn kein Mensch auf der

Welt hat wie Bode eine auch nur annähernd grosse
„Warenkenntnis", wie der verstorbene Lippmann
vom Kupferstichkabinet zu sagen pflegte.

Es ist klar, dass ein Buch Bodes über hollän-
dische Kunst, die seine Jugendliebe war und seine
Vorliebe geblieben ist, in der Sach- und Fachkennt-
nis seinen Hauptreiz hat: es ist nicht geschrieben,
sondern erlebt. Mit der Passion, womit der Jäger
ein Stück Wild aufspürt, jagt er dem Bilde nach
und verfolgt dessen Schicksal vom Tage, wo es aus
der Werkstatt des Meisters hervorgegangen bis zur
heutigen Stunde. Er kennt aber nicht nur das Bild,
sondern auch die Quellen, woraus der Meister ge-
schöpft hat und über manch einen, wie z. B. über
Hercules Segers, hat Bode uns ein ganz neues Licht
aufgesteckt. Andere Kunsthistoriker mögen gleich-
grosse Kenntnis des urkundlichen Materials besitzen:
was aber Bode vor seinen Kollegen auszeichnet ist,
dass das tote Material unter seinen Händen leben-
dig wird,

Die gelehrte Kleinarbeit, die nicht sowohl den
Kopf als einen andern Körperteil erfordert, über-

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