Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 5.1907

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ie Sommerausstellung der Ber-
liner Secessionisten gleicht in
diesem Jahr einem Familien tag,
■ wo sich eine weitverzweigte
Sippe mit herzlich geäusser-
ter Verwandtenliebe und höf-
lich verhehltem Verwandten-
lass um den berühmten Senior schart. Onkel Lovis
hat dem Alten, dem Ahnen, ein Hoch dargebracht
und im allgemeinen Jubel sind die Misstöne ver-
stummt.

Der sechzigste Geburtstag des Führers ist nicht
nur Anlass zu diesem deplacierten Hurrah geworden,
sondern auch zu einer erfreulichen kleinen Sonder-
ausstellung von Werken Liebermanns. Und da sich
um diesen bedeutenden Kern ausschliesslich fast
Arbeiten der andern Mitglieder gruppieren (als
berühmte Fremde sind nur van Gogh und Rodin

zugegen), so erscheint die Veranstaltung nicht
allein als eine speziell deutsche, ja, berlinische Kunst-
ausstellung, sondern auch als ein Fazit des in einem
Jahrzehnt Erreichten. Das Resultat giebt Grund
genug zu stolzem Selbstgefühl; deutlich aber auch
zeigt sich, durch die starke Betonung der Lieber-
mannschen Lebensleistung, wieviel dieser Eine der
Secession von je gewesen ist. Es ist so viel, dass die
Vereinigung in Frage gestellt würde, wenn Lieber-
mann morgen ausschiede. EinMitgliedsogar hat sich
öffentlich in diesem Sinn geäussert: die Secession —
das ist Liebermann. So sehr aber diese Thatsache
das gefeierte Geburtstagskind ehrt: für die Sache
wäre es besser, wenn die Mitglieder den Ehrgeiz
spürten, Rivalen ihres Führers zu werden,

Man muss sich vorstellen, wie der Eindruck
dieser Ausstellung wäre, wenn Liebermanns Bilder
und die Triibners, des süddeutschen Dioskuren,

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