Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 5.1907

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KUNSTSCHULEN

as das erneuerte Kunstgewerbe in
wenigen Jahren errungen hat, liegt
heute vor aller Augen. Als unser
Markt in Gefahr war, der Kunst-
industrie vom Ausland entrissen zu
werden, als die Schöpfungskräfte der architekto-
nischen Künste und des Handwerks ganz versiegt
schienen, haben moderne KünstlerRettung gebracht.

Uberall in Deutschland hat man sich bemüht,
aus der sich darbietenden neuen Kraft Vor-
teile idealer oder materieller Natur zu gewinnen.
In München, Darmstadt, Düsseldorf, Weimar,
Dresden, Leipzig, Krefeld, Wien und in vielen
andern Städten giebt es längst staatlich unterstützte
Kolonien gewerblich schaffender Künstler. Nur
die Reichshauptstadt beteiligte sich bisher nicht.
Im Reich und in Preussen ist man seit Jahren be-
strebt, das kunstgewerbliche Unterrichtswesen zu
reformieren; nur die Berliner Kunstgewerbeschule
— die nicht, wie die übrigen preussischen gewerb-
lichen Unterrichtsanstalten, dem Handelsminister
und somit auch nicht dem Decernat des glücklich
reorganisierenden Muthesius untersteht, sondern
dem Kultusminister — hat sich ganz teilnahmlos
gegenüber den neuen Kräften verhalten. Was
Wunder, dass nun, wo endlich die Berufung eines
modernen Künstlers zum Leiter dieser wichtigen
Anstalt durch Bodes Initiative gelungen ist, längst
begrabene Hoffnungen mit jäher Heftigkeit wieder
erwachen. Aber je höher die Erwartungen sich
spannen, wie Bruno Paul die ihm anvertraute Auf-

gabe lösen wird, desto deutlicher stellt sich Einem
auch das verwickelte Problem des Kunstunter-
richts wieder dar. Dafür dass Bruno Paul ein tüch-
tiger Künstler ist, liegen Beweise vor; die wichti-
gere Frage ist aber, ob er ein Organisator ist. Es
sind in dem Berliner Institut gründliche Reformen
vorzunehmen: Werkstättenunterricht, Schülerbe-
schränkung, Sichtung des Lehrermaterials, einheit-
liche Grundsätze und Betonung des Architektur-
gedankens. Die zu leistende Arbeit gleicht im
Kleinen der, die von Herrn Dernburg in der Kolo-
nialverwaltung erwartet wird.

Darum ist es gerade jetzt von doppeltem Inter-
esse, Meinungen und Erfahrungen hervorragender
Künstler zu hören, die, alle mehr oder weniger im
Gegensatz zu den akademischen Unterrichtsprin-
zipien, erfolgreich schon für eine lebendige Er-
neuerung der Kunsterziehung gewirkt haben. Die
private Initiative dieser Männer hat in Deutschland
viel gesunde Bewegung geschaffen, ihre Hoffhungen
und Enttäuschungen sind gleich lehrreich für Alle,
denen das Problem des Kunstunterrichts am Herzen
liegt. Dass alle diese pädagogisch wirkenden Künstler
unakademisch und autodidaktisch vorgehen, sollte
den Staatsmann von einer sehr ernsten Prüfung
ihrer Forderungen und Meinungen nicht abhalten.
Denn alle lebendige Kulturkraft geht heute wieder
einmal aus dem gross wollenden Laiensinn hervor,
wie es noch immer in den entscheidenden Augen-
blicken der Geschichte der Fall war.

S.

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